Monday, 16 October 2017

Träume aus dem Untergrund mit Denis Scheck

Denis Scheck in der SWR Fernsehen-Sendung 'Kunscht'

Der Beitrag jetzt auch auf youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=pGBb5mDt8uw

Thursday, 12 October 2017

Wednesday, 11 October 2017

Buchbesprechung: DAS SCHWABENLAND ROCKT – Stuttgarter Zeitung



Die Rock-Geschichte des LandesAls das Schwabenland rocken lernte


Von Thomas Morawitzky 
Nach 1968 träumte Baden-Württemberg vom Untergrund. Jazz, Folk und Rock gediehen im Ländle. Ein neues Buch portraitiert den kulturellen Umbruch - am Montag feierte es im Theaterhaus Premiere.


Der junge Winfried Kretschmann (im Bild rechts) gehörte zum Umfeld der Riedlinger Popgruppe Power Play. Foto: Joachim Schlegel

Stuttgart - Man kann wirklich von einer Generation der Glückskinder sprechen“, sagt Werner Schretzmeier. Er ist heute Leiter des Stuttgarter Theaterhauses, war damals Leiter der Manufaktur in Schorndorf. Er spricht von jener Generation, die das Jahr 1968 und den kulturellen Wandel, der ihm folgte, bewusst und gestaltend erleben durfte. Christoph Wagner, Journalist, geboren 1956 in Balingen, hat ein Buch über diese Zeit und ihre Musik geschrieben. „Träume aus dem Untergrund: Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten“, so heißt es. Erschienen ist es im Silberburg-Verlag Tübingen, vorgestellt wurde es am Montagabend im Theaterhaus.
Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann kam zu dieser Buchpräsentation, diskutierte mit Christoph Wagner, Werner Schretzmeier und dem Silberburg-Lektor Thorsten Schöll. Nicht ohne Grund: Kretschmann selbst war Teil der Szene, die im Buch beschrieben wird, wenn auch nur am Rande: „Ich war da eher ein Mitläufer“, sagt er. „Ich war sozusagen die politische Ausfransung der Musikbewegung. Bei manchen lief das Politische unter anderem, die haben Musik gemacht – bei mir war es umgekehrt. Ich bin sicherlich kein berufener Experte.“

Pink Floyd in Stuttgart bei den Filmaufnahmen 1969 zur Popmusiksendung 'P': Nach der Tortenschlacht gings durch die Autowaschstraße (Sammlung: W. Schretzmeier)


Ozzy Osbourne in Schorndorf

Christoph Wagner jedoch hat ein Buch geschrieben, das – aufwendig recherchiert und höchst informativ – nicht nur ein Bild der Musikszene im Lande, sondern auch ein Bild des Landes zeichnet. Frederic Rabold, damals schon aktiv in der baden-württembergischen Jazzszene, hat seine Band anlässlich der Präsentation dieses Buches neu formiert, spielt auf der Bühne des Theaterhauses, während Musiker und Publikum von einst auf der Leinwand vorübergleiten: Die Folkfreaks, die sich in Tübingen versammelten; die vielen kleinen Clubs, die regionalen Bands, die in ihnen auftraten; ihre britischen Vorbilder, die sich manchmal, noch auf der Schwelle zum Ruhm, in die süddeutsche Provinz verirrten. Pink Floyd , die mit Werner Schretzmeier Musikvideos drehten; Black Sabbath, die sich in den Schorndorfer Winterschnee warfen. Dass Ozzy Osbourne und seine Band dort landeten, war dem damals noch legeren Beziehungsgeflecht in der Musikszene geschuldet – und dem Zufall: „Schorndorf“, sagt Werner Schretzmeier, „lag auf dem Weg nach Birmingham.“

Wagners Buch erzählt viele Geschichten. Es erzählt von Rockgiganten aus dem Ausland, die in kleinen Hallen spielten, von den Rolling Stones, die in die Stuttgarter Messe kamen und die vor allem von Schretzmeier angegriffen wurden: Altamont war noch in guter Erinnerung, die Stones standen für Zynismus und Kommerz. In der Stuttgarter Messe kam es zum Eklat; die großen Rockkonzerte wurden fortan in Böblingen und Sindelfingen veranstaltet - bis in die 1990er Jahre hinein sollte das so bleiben.
Wagner widmet ihnen allen eigene Kapitel: Den Jazzern, die ersten Widerstand gegen die Konformität leisteten; den Clubs, die aus dem Boden schossen, in Schorndorf, Tübingen, Esslingen, Reutlingen, in vielen ländlichen Gemeinden; den Schwabenrockern Wolle Kriwanek und Schwoißfuaß; den zig Bands, die Beat und Krautrock spielten; der Reutlinger Initiative „Gig“, die ehrenamtlich Konzerte organisierte. In Tübingen rümpfte man derweil die Nase, wollte von Rockmusik nichts wissen, fand erst den Anschluss, als in der zweiten Hälfte der 1970er politisch motivierte Barden in der Universitätsstadt zusammenströmten.

Die kleinen Revolutionen auf dem Land

Eine studentische Bewegung, das war die neue Musikkultur jener Zeit nicht, erzählt Werner Schretzmeier: „Die Studenten hatten wir gefressen.“ Die Aktiven, sagt er, das waren junge Menschen, die in die Lehre gingen, ganz normale Dinge taten. Und draußen, auf dem Land, dort, wo die schwäbische Rockmusik spielte und jeder im Dorf bald wusste, was der andere am Abend zuvor getan hatte, fanden die wirklichen kleinen Revolutionen statt: „Da hatte man Zivilcourage schon nötig.“
Auch Schorndorf war ländlich: „Dort gab es viele Leute, die rechtschaffen ihrer Arbeit nachgingen, und die sich von Leuten, wie wir es waren, im höchsten Maße gestört oder auch bedroht fühlten.“ In Baden-Württemberg gab nur eine Partei den politischen Ton an: „Die haben sich immer als erste empört, und das war super!“ Heute spricht Schretzmeier in den wärmsten ­Tönen von der CDU. Die Reibung, sagt er, tat gut, war inspirierend: „Es war so einfach, dagegen zu sein. Wenn du irgendwas gemacht hast, wenn du bloß die Zunge rausgestreckt hast, dann warst du schon der König!“
Alles hat sich gewandelt. Am Montag sitzen viele, die mit dabei waren, im Theaterhaus und blicken zurück. Sie sind längst angekommen, haben die Gegenwart mitgestaltet. Die Zeiten zu vergleichen, sagt Schretzmeier, das sei vielleicht ein wenig ungerecht, jenen gegenüber, die diese Aufgabe noch vor sich hätten. Für Kretschmann indes sind die „Träume aus dem Untergrund“ noch ein Beleg für schwäbische Schaffenskraft, schwäbischen Charme: „Hier hat der große Umbruch nicht nur zu einer Konsumkultur geführt“, sagt er, „sondern auch zu einer Tätigkeitskultur.“ Die Bands aus dem Ländle, das waren für ihn die Mittelständler des Rock, des Jazz und des Folk: „Heute würde man sagen: Das waren die Start-ups der Musik.“
Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund. Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten. Silberburg-Verlag, Tübingen. Gebunden, 180 Seiten. 24,90 Euro.

Tuesday, 10 October 2017

'Träume aus dem Untergrund' bei Denis Scheck im Fernsehen

„Träume aus dem Untergrund“ in KUNSCHT! mit Denis Scheck im SWR Fernsehen

Donnerstag, 12. Oktober 2017, 22:45
Sonntag, 15. Oktober 2017, 8:50
und danach in den Mediathek

Bei der Buchtaufe am 9. Oktober im Theaterhaus in Stuttgart wurde heftig gefilmt. Das Ergebnis ist in der Sendung 'KUNSCHT!' mit Denis Scheck im SWR Fernsehen zu sehen:




















Tuesday, 19 September 2017

AB SOFORT IM BUCHHANDEL ERHÄLTLICH!!!!!

TRÄUME AUS DEM UNTERGRUND 
ALS BEATFANS, HIPPIES UND FOLKFREAKS BADEN-WÜRTTEMBERG AUFMISCHTEN

AB SOFORT IM BUCHHANDEL ERHÄLTLICH!!!!!


Mich hat noch kein Exemplar in England erreicht, aber das Buch ist seit Montag, den 18. September im Buchhandel erhältlich. Erst Stimmen dazu gehen bei mir ein:

Saxofonist ERICH STANGL aus Lindau (bekannt von der Frederic Rabold Crew und dem Jazz Inspiration Orchestra) schreibt:

„Seit gestern halte ich Ihr neues Buch in Händen und freue mich über die stimmige Aufmachung.
Mit Fred Braceful habe ich schon vor Jahrzehnten in Lindau musiziert. Man glaubt es nicht !
Manfred Eicher (Labelchef von ECM) ist ja auch Lindauer. Scheint hier ein gutes Klima für Jazz zu sein ? Ich freue mich natürlich sehr, dass die Frederic Rabold Crew bzw. das Jazz Inspiration Orchestra mit Text und Bild gewürdigt werden.     Das hat sich Frederic nach Jahrzehnten wirklich verdient !“

Auch THOMMY BALLUFF (Muli & His Misfits, Exmagma, Fuckin' Gute Bürger Band) – auf dem Buchcover der Musiker ganz links, vor der Hammond-Orgel – meldet sich:

„Ich habe mir heute beim Wittwer ein Exemplar besorgt. Es ist wieder einmal ein ganz tolles, kompetentes und buntes Buch geworden. Absolut Klasse! “


AUS DEM INHALT:
So ein Krach! – Jazz, Beat, Soul und Blues im wilden Süden in den 60ern & 70ern |  Selten, seltener, selbstgemacht – Liedermacher und Folk | Die südwestdeutsche Underground- und Rockszene | Schorndorf: die heimliche Hauptstadt des Rock | Black Sabbath in der schwäbischen Provinz | Popkrawall – die Rolling Stones 1970 in Stuttgart | Pop und Protest in Tübingen | Pink Floyd und das 2. British Rock Meeting | Mir sind doch wer! – Spätzle-Blues und Schwoba-Rock


176 Seiten, 120 rare, teilweise farbige Fotos, 22,5 x 22,5 cm, gebunden,  24,90 Euro




Zombie Woof aus Reutlingen, Bombast-Rock mit Lightshow in den 1970ern (Promo Foto / Sammlung C. Wagner)





















Ray Charles in der Stuttgarter Liederhalle, 1971 (Foto: Jörg Becker)


AB SOFORT IM BUCHHANDEL ERHÄLTLICH!!!!!

Thursday, 14 September 2017

Buchbesprechung: Peter Kemper – Sgt. Pepper (Reclam)

Doppelte Geschwindigkeit oder rückwärts

Das epochemachende Album Sgt. Pepper von den Beatles wurde vor 50 Jahren veröffentlicht 

 Die Beatles kamen aus Liverpool, doch erst ihr Umzug nach London im Sommer 1963 löste eine kreative Explosion innerhalb der Gruppe aus, die 1967 auf dem Album „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ voll zur Geltung kam, was die Platte zu einem Meilenstein der Popgeschichte machte.

In der englischen Hauptstadt pulsierte 1967 eine vitale Popszene, die mit einen neuen Lebensgefühl einherging. Teenager kleideten sich anders, ließen sich die Haare wachsen, gaben sich lässig und exzentrisch und forderten die ältere Generation heraus. In Diskotheken wie dem “UFO” dröhnten elektrische Sounds zu zuckenden Lightshows. Pop flirtete mit der Avantgarde.

Die Beatles tauchten in diese vibrierende Szene ein. Mit George Martin hatten sie einen Produzenten zur Hand, der offen für die neuen Anregungen war. Schon auf den Alben „Rubber Soul“ (1965) und „Revolver“ (1966) hatte sich die Band mehr und mehr von den einfach gestrickten Beatnummern ihrer Anfangszeit entfernt. Für das Album „Sgt. Pepper“ entstanden immer raffiniertere Songs mit buntschillernden Arrangements und außergewöhnlichen Klangfarben, die die Möglichkeiten der Studiotechnik ausschöpften. Tonbänder wurden in doppelter Geschwindigkeit oder rückwärts gespielt, Vogelgezwitscher und Hundegebell eingeblendet, was manche Songs zu abenteuerlichen Klangcollagen machte.
 
Das Album wurde in den EMI-Studios in der Londoner Abbey Road aufgenommen. Fünf Monate arbeiten die Beatles mit George Martin daran. Im Vergleich: Ihr Debutalbum „Please Please Me“ hatten sie vier Jahre zuvor an nur einem einzigen Tag eingespielt. Neue Instrumente wie das Mellotron wurden herangezogen, auch exotische, die George Harrison aus Indien mitgebracht hatte. Dazu gab es Bläsersätze, Cellos, Geigen und Hörner plus eine Baß-Mundharmonika. Die Palette an Klangfarben kannte keine Grenzen.

Das Plattencover des Avantgarde-Künstlers Peter Blake war ebenfalls eine Sensation. Dort waren hinter den Beatles in bunten Uniformen, alle ihre Vorbilder und Idole als Pappkameraden aufgereiht. Das Cover gab der Veröffentlichung ein Gesicht und trug dazu bei, das „Sgt. Pepper“ zu dem epochemachenden Album wurde, als das es heute gilt.

Peter Kemper erzählt auf 100 Seiten die Entstehungsgeschichte der Einspielung auf kompetente Weise. Was man etwas vermißt, sind eigene Recherchen und Informationen aus ersten Hand. Vielmehr hat der Autor die mittlerweile Bibliotheken füllende Literatur über die Beatles und „Sgt. Pepper“ zusammengefaßt und solide dargestellt. 

Peter Kemper: Sgt. Pepper (Reclam)

Wednesday, 13 September 2017

Vinyl-Melancholie – Arne Reimers Buch: Long Play


Schwarze Scheiben

Arne Reimer auf Fotoexkursion durch Vinyllandschaften 

 
cw. Schallplatten sind seit längerem wieder im Kommen, selbst im Supermarkt steht seit neustem ein Regal (mit den schlimmsten Reissues). Dabei ist die Vinylplatte schon einen ersten Tod gestorben, als sie Mitte der 1980er Jahre von der CD verdrängt wurde. Viele dachten damals, dass wäre ihr endgültiges Aus. Doch es kam anders: die Vinylplatte hat überlebt und in den letzten Jahren sogar ein Comeback erfahren. Und es ist sicher keine allzu gewagte Behauptung, wenn man die Prognose stellt, dass es in einer nicht so fernen Zukunft immer noch Vinylplatten geben wird, wenn schon lange niemand mehr weiß, was eigentlich einmal eine „Compact Disc“ war.  Popmusik und Vinylplatte sind offenbar aufs Tiefste miteinander verbunden.

Der Fotograf und Musikjournalist Arne Reimer, der sich durch seine beiden „American Jazz Heroes“-Bildbände einen Namen gemacht hat, hat bei seinen Reisen zu den „Jazzhelden“ auch die lokalen Plattenläden besucht und ihre Aura in Fotos eingefangen. Da sieht man Bilder mit Regalen und Regalen voller gebrauchter Scheiben und wünscht sich, man wäre beim Ladenbesuch dabei gewesen.

Außer in den USA war Reimer auch in Deutschland (Berlin, Leipzig), Holland (Amsterdam) und England (London, Croydon) unterwegs auf Plattensuche, wobei sich erweist, dass die echten Second-Hand-Vinyl-Läden eigentlich auf der ganzen Welt ähnlich aussehen: Etwas schmuddelig, staubig und abgewetzt, und bis unter die Decke mit schwarzen Scheiben voll gestopft. Was dagegen der leidenschaftliche Sammler sieht, ist etwas vollkommen anderes: eine verheißungsvolle Schatzkammer, der man nur noch ihre Kostbarkeiten entreißen muss.


Im zweiten Teil des Buchs wird das Thema mit historischen Fotos weitergesponnen, die die Geschichte der Vinylplatte dokumentieren. Da sind Schwarz-Weiß-Fotografien von Teenagern mit winzigkleinen Plattenspielern zu sehen, die wohl fürs Freibad oder die Gartenparty gedacht waren, oder Plattenspieler, die in den USA in Autos eingebaut wurden. Man sieht Bilder von Schallplatten-Archiven, die Außen- und Innenansicht von Plattenläden aus den 60ern plus die Fertigungsanlagen eines Presswerks. Und auf einem Foto, wo eine junge Käuferin ca. 1970 vor einer Ausstellungswand mit Neuheiten steht, entdecke ich – ganz links unten – ein Cover, das mir bekannt vorkommt: Das ist doch das zweite Album der britischen Progrock-Band Blodwyn Pig namens „Getting to this“, das ich seit 40 Jahren besitze. Was für eine schönes Wiedersehen. Ich kram es heraus und leg’s auf – wunderbar!


Arne Reimer: Long Play. 156 Seiten, Koenig Books, London (mit einem Essay von Ulf Erdmann Ziegler in englisch), E 39,80.

Saturday, 9 September 2017

Zum Tode von Holger Czukay

Der Klangzauberer

Zum Tod von Holger Czukay (24.3.1938 – 5.9.2017), Gründungsmitglied der wegweisenden Krautrockgruppe Can

cw. Ich habe ihn einmal getroffen, vor Jahren zum Interview in einem Kölner Café. Er war gut gelaunt, gab klare Antworten und plauderte nach einer Weile recht unverdrossen aus dem Nähkästchen. Holger Czukay hatte eine ganz eigene Art und Weise über Musik nachzudenken und zu sprechen. Von der avantgardistischen E-Musik konvertierte er zur Rockmusik, und ist doch im Herzen immer ein experimenteller Musiker geblieben. Dann tauchte er auf dem Cover meines „Revolte“-Buchs auf. Jetzt ist der Kölner Musiker im Alter von 79 Jahren gestorben, nur ein paar Wochen nach seiner Frau.

Als der Konzertpianist und Kapellmeister Irmin Schmidt nach einem längeren Amerikaaufenthalt 1967 über die Gründung einer experimentellen Musikgruppe nachdachte, lud er selbstverständlich auch seine Kollegen Holger Czukay zum Gespräch ein, den er vom Studium bei Karlheinz Stockhausen kannte und der damals als Musiklehrer seine Brötchen verdiente. Czukay galt als leicht versponnener Kauz, der an mathematischen Reihenkompositionen tüftelte, die nahezu unspielbar waren. Außerdem war er ein exzellenter Gitarrist.

Czukay brachte seinen Gitarrenschüler Michael Karoli zum Treffen mit – ein talentierter Beat-Gitarrist. Schlagzeuger Jaki Liebezeit komplettierte die Band, die sich bald Can nannte und immer mehr Richtung Rockmusik tendierte. Czukay blieb in dieser Konstellation nur die Baßgitarre, auf der er sich nicht unbedingt als Vituose erwies. Als Jaki Liebezeit ihn aufforderte, nicht so viel, sondern immer nur einen Ton auf die Eins zu spielen, kam ihm das entgegen. Das experimentieren mit Klangschnipseln und Wortsalat von den Kurzwellensendern war da schon eher seine Sache.

Im Wasserschloß Nörvenich im Kölner Umland fand die Band ihr erstes Domizil. Czukay baute den Proberaum zu einem primitiven Studio um. “Ich war damals Lehrer, hatte 1500 Mark gespart und konnte ein neues Tonbandgerät kaufen,” gab er zu Protokoll. „Jemand brachte noch ein zweites Tonbandgerät mit. Dann trieben wir noch ein Mikrofon auf und schon waren wir in der Lage, Aufnahmen zu machen - so einfach war das!”

Von nun an trafen sich die Can-Musiker fast täglich im Proberaum, um von nachmittags bis in die frühen Morgenstunden intensivst zu jammen und gemeinsam rumzuhängen. Ausgearbeitete Kompositionen gab es nicht, selbst auf die gröbsten Vorgaben wurde verzichtet. Aus diesen kollektiven Improvisationen destillierten Can ihr Konzept einer experimentellen kollektiven Rockmusik, bei der der Groove im Mittelpunkt stand.

Czukay schnitt jede Session auf Band mit, danach wurde abgehört, um Passagen zu identifizieren, die sich für eine Weiterarbeit eignen würden. “Instant composing’ nannte er das. Immer wieder kristallisierte sich ein Riff oder ein Sound heraus, mit dem sich weiterzuarbeiten lohnte. ”Um überhaupt zu unserer eigenen Sprache zu finden, war ein dauerndes Zusammensein nötig - Tag für Tag, Woche um Woche,” rekapituliert er Jahre später.

Czukay erwies sich als absoluter Meister der Schere, der Freude am Schneiden von Tonbändern hatte. „Das hat bei ihm zu Ausbrüchen von Leidenschaft geführt,“ erinnert sich Keyboarder Irmin Schmidt.

Die kreative Periode von Can dauerte etliche Jahre, in deren Schlußphase Holger Czukay immer mehr an den Rand geriet. Er spielte nun nicht mehr Baßgitarre, sondern konzentrierte sich vollkommen auf seine skurrilen Sounds vom Kurzwellenradio und von Tonbändern. 1977 war für Czukay bei Can endgültig Schluß. Er verließ die Band und bastelte fortan an diversen Soloalben, für die er mit Tonband und Schere raffinierte Soundcollagen formte.

Darüber hinaus arbeitete Czukay mit einer ganzen Reihe nahmhafter Musiker zusammen, die ein Faible für seine versponnenen Ideen hatten. Ob David Sylvian, The Edge, Jah Wobble oder die Eurythmics – alle hielten den Kölner für einen Klangzauberer mit einem untrüglichen Gespür für die wundersamsten Töne. In den letzten Jahren war es ruhiger um Czukay geworden, der zurückgezogen im ehemaligen Studio von Can in Köln-Weilerswist lebte, das er zur Wohnung umfunktioniert hatte. Dort wurde er von einem Anwohner tot aufgefunden.

Thursday, 7 September 2017

Wiederentdeckung mittelalterlicher Mönchsgesänge in schwäbischen Klöstern

KLANGVERSUNKEN

Das Tübinger Vokalensemble Ordo Virtutum rekonstruiert Mönchsgesänge aus Klöstern der Vor-Reformation-Zeit

 cw. Die Reformation, die sich dieses Jahr zum 500. Male jährt, war ein Epochenbruch, wie er stärker nicht hätte sein können. Die religiöse Erneuerungsbewegung stellte die geistlich-religiöse Welt des Mittelalters völlig auf den Kopf. Den Papst, den Vertreter Gottes auf Erden, herauszufordern und der falschen Lehre zu bezichtigen, war eine Ungeheuerlichkeit von solchem Ausmaß, wie wir es uns heute kaum noch vorstellen können.
In Württemberg wurde die Reformation 1537 durch Herzog Ulrich eingeführt.
Danach wurden die Bastionen der katholischen Lehre, die Klöster, aufgehoben, die lateinische Messe durch einen neuen Gottesdienst in der Landessprache ersetzt, was die alten liturgische Gesänge überflüssig machte. Die Notenbücher, in denen die Handschriften verwahrt wurden, hatten plötzlich keine Funktion mehr, galten als „papistisch“, was sie dem Untergang weihte. Da aber das Pergament, auf dem die Choräle notiert waren, zu wertvoll war, wurde es nicht einfach weggeworfen, sondern als Bucheinbände wiederverwendet. Tausende Choralhandschriften wurden zerschnitten, um fortan als Cover von Buchdeckeln oder zur Verstärkung der Buchrücken zu dienen. So haben sie über Jahrhunderte überlebt und blieben uns bis heute erhalten.

Der Tübinger Musikwissenschaftler Stefan Morent hat solche
Noten-Einbandblätter in den Archiven der Region aufgespürt und ihre Funktion und Stellung im katholischen Gottesdienst des Mittelalters rekonstruiert. Dann hat er die Choral-Fragmente mit seinem Ensemble Ordo  Virtutum einstudiert und jetzt auf einer CD im Surround-Sound vorgelegt (Titel: Fragmentum; Label: Cornetto)

 Dabei ist das sechsköpfige Vokalensemble nicht einfach ins nächstbeste Tonstudio gegangen, sondern hat die Einspielungen mit Hilfe des Südwestrundfunks und seiner exzellenten Tontechniker und mit der Unterstützung und Förderung durch die Organisation 'Staatliche Schlösser & Gärten Baden-Württemberg' an den Orten gemacht, von wo die Notenhandschriften tatsächlich herstammen: in den ehemaligen Klöstern von Bebenhausen, Hirsau, Alpirsbach, Maulbronn und Salem. Die uralten Gemäuer geben den auf- und abschwellenden Gesangsmelodien eine besondere Aura, die durch den Surround-Sound eindrucksvoll eingefangen wird. Die einstimmigen Gesänge hatten im Gottesdienst die Funktion, die Gläubigen in eine empfängliche Stimmung zu versetzen, um die religiösen Inhalte verinnerlichen zu können. Es ist deshalb ein Gesang, der in seiner Ebenmäßigkeit und Ausgeglichenheit eher einer Meditation gleicht. Versunken in die liturgischen Vokalklänge, entsteht aus den verschollenen und jetzt wiederentdeckten Notenfragmenten eine wunderbar ruhige Musik, die uns in ein Zeitalter zurückführt, das mehr als ein halbes Jahrtausend zurückliegt und das von der Hektik und Unrast der Moderne noch unberührt war.