Saturday, 20 October 2012

Nachruf: BORAH BERGMAN (1926-2012)


Gegen den Strom

Das Piano der Eindringlichkeit - am 18. Oktober 2012 verstarb der Jazzpianist Borah Bergman: ein Nachruf


CW. Dem französischen Maler Edgar Degas wird der Satz zugeschrieben: “Jeder kann mit fünfundzwanzig Jahren Talent haben; worauf es ankommt, ist mit fünfzig Talent zu haben.” Der amerikanische Pianist Borah Bergman (1926-2012) war so ein Fall: ein Spätentwickler, der erst mit fast 50 Jahren sein Schallplattedebut feierte. Das war 1975. Seither holte Bergman unablässig auf. Und obwohl er  in den Jahren vor seiner Demenz-Erkrankung mit vielen Top-Musikern des neuen Jazz  (u.a. Oliver Lake, Roscoe Mitchell, Anthony Braxton, Andrew Cyrille, Evan Parker, Lol Coxhill) musiziert und Aufnahmen gemacht hatte und inzwischen auf eine Diskographie von fast zwei Dutzend Einspielungen verweisen konnte, ist sein Name bis heute nur einem Insiderkreis geläufig. Seine Auftritte hatten Seltensheitswert.

Im Gegensatz zu seinem geringen Bekanntheitsgrad steht seine Reputation bei Musikern. “Borah Bergman war mein Lieblingspianist. Einer der wenigen Pianisten, mit dem ich überhaupt zusammenarbeiten kann,” meint Saxofonkoloss Peter Brötzmann, und John Zorn hält ihn schlicht “für einen der grössten Pianisten unserer Zeit.” 

Auf Besuch in New York weckte mich mitten in der Nacht ein feines Klappern auf. Es hörte sich entfernt wie das Geräusch einer mechanischen Nähmaschine an. Ich lauschte eine Weile in die Dunkelheit, schlief dann aber wieder ein. Am nächsten Morgen fragte ich Borah Bergman, bei dem ich untergekommen war, nach dem geheimnisvollen Hämmern. Er zeigte auf zwei halbmeterlange, tonlose Pianotastaturen: “Darauf übe ich im Bett, wenn ich nicht schlafen kann”.

Tagsüber gönnte ihm seine Besessenheit auch keine Ruhe. Stunden um Stunden übte er am Klavier. Er trainierte wie ein Hochleistungsathlet, ging an die Grenzen seiner physischen Möglichkeiten, versuchte, sie graduell hinauszuschieben. Er spielte mit Blei-Manschetten an den Unterarmen riesige Intervallsprünge oder diffizile Griffweisen, um die Armmuskulatur zu stärken und die Unabhängigkeit der Finger zu vervollkommnen. 

Um sich ungestört in seine Klavierstudien vertiefen zu können, war Bergman vor Jahren in ein kleines Apartment in Manhattan gezogen, das speziell für Musiker eingerichtet worden war mit Extra-Schallisolierung. Bergmans Nachbarn dort war ein Operntenor, den man seine Arien schmettern hörte, wenn man im Gang auf den Aufzug wartete.

Doch Bergman allein als Hypertechniker einzustufen, würde seiner Musik nicht gerecht werden: “Die Technik ist nur ein Werkzeug, um die Töne in meinem Kopf zum Klingen zu bringen,” stellte er klar. Und diese Klangwelt war hoch komplex. Von rasenden Tonkaskaden und eruptiven Clustern über singbare Melodielinien bis zu sparsamsten Akkordfolgen und hingetupften Einzeltönen reichte sein Vokabular, das er mit einer insistierenden Eindringlichkeit vortrug. “Ich glaube an Widersprüche, an Gegensätze, die aufeinanderprallen”, erklärte er. “In ihnen kommt etwas von den komplexen Stimmungen und Gemütslagen zum Vorschein, die jedes Individuum umtreiben.”  In Bergmans Improvisationen war alles gleichzeitig präsent: Wut, Traurigkeit, Aggression, Melancholie. Hier rumorte die wirre Dramatik der menschlichen Existenz in ihrer ganzen Komplexität und Undurchdringlichkeit. “Ich halte nichts von der Ästhetik des Schönen,” war ein typischer Bergman-Satz. “Nur wahre Musik ist schön!”


Um diesen vielschichtigen Gefühlskosmos hörbar zu machen, arbeitete er an einem eigenständigen Jazzpianokonzept, einer Spielweise, die mit unorthodoxen Fingersätzen und Griffweisen neue pianistische Möglichkeiten auslotete. Viele dieser Techniken hatte Bergman gegen die herrschende Lehrmeinung vom “richtigen” Jazzpianospiel entwickelt. Auf dem Notenständer seines kleinen Steinways war kein Buch mit Jazzstandards zu finden, viel eher die Partitur von Maurice Ravels “Konzert für die linke Hand”, das einst vom Konzertpianisten Paul Wittgenstein, dem Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein, in Auftrag gegeben worden war.  Er hatte im 1. Weltkrieg einen Arm verloren. Hier knüpfte Bergman an. In seiner Konzeption kam der linken Hand eine entscheidende Rolle zu: Sie erfuhr eine radikale Aufwertung, wurde zum gleichrangigen Organ, dem die selben Möglichkeiten wie ihrem rechten Pendant zugeschrieben wurden.

Neue Horizonte der Polyphonie und des Kontrapunkts taten sich auf. Es entstand eine andere Balance: statt einer Führungsstimme mit Begleitung, hatte Bergman zwei selbständige Solostimmen zur Verfügung. Kein Wunder, dass man manchmal meinte,  zwei Pianisten miteinander bzw. gegeneinander spielen zu hören. Oft überkreuzte Bergman dabei die Hände und griff mit der linken Hand in die höheren Lagen, um Akkorde anzuschlagen, die mit konventionellen Grifftechniken nicht zu realisieren gewesen wären. 
Wenn er mit anderen Improvisatoren zusammentraf, zog er alle Register seines Könnens. Dann haute er auch schon mal mit Bärenbranken in die Tasten, um im nächsten Moment die zerbrechlichsten Töne anzutippen. Am liebsten musizierte er mit Saxofonisten oder Drummern, die der Wucht seines Anschlags und der Furie seines Spiels Paroli bieten konnten und über eine ähnliche dynamische Bandbreite verfügten. 




Borah Bergman war ein Einzelgänger und - wie ich glaube - manchmal ziemlich einsam. Er konnte einen stundenlang von New York aus anrufen. Er war ein Außenseiter, der keiner Szene angehörte. Die Unbeirrbarkeit, mit der er seine musikalische Vision verfolgte, schrieb er dem Einfluss seiner Familie zu. Beide Eltern waren vor dem 1. Weltkrieg von Russland nach Amerika ausgewandert und hatte sich in Brooklyn niedergelassen. Dort wurde Borah Bergman 1926 geboren in eine musikalische Familie hinein: Die Mutter spielte Klavier und sang, ihr Bruder war Violinist, ein Cousin professioneller Musiker, der den Entertainer Danny Kaye begleitete. Als Kind spielte Bergman  Klarinette, bevor er - relativ spät - zum Klavier fand.

Einen ähnlichen Stellenwert wie die Musik besass nur noch die Politik. Sie gehörte zum täglichen Brot. Am Mittagstisch bei Bergmans wurde zuweilen heftig über Tagesereignisse debattiert. “Beruhig‘ dich, Borah!”, empfahl dann die Mutter dem Heißsporn, der auch im späteren Leben nicht mit seiner pointierten Meinung hinterm Berg hielt. Man setzte Petitionen auf, ging zu Demonstrationen. Mehrere Male im Jahr fuhr man raus aufs Land nach Upstate New York, wo die Eltern in einer sozialistischen Kolonie ein Ferienhäuschen hatten. Hier verkehrten Leute wie der Exildeutsche und anarchistische Theoretiker Rudolf Rocker. Man stand in Opposition zum gesellschaftlichen Mainstream und diese Haltung, meint Bergman, hätte sich später auf seine Musik übertragen. Bergman schwamm gegen den Strom.

Auf seinen letzten beiden Einspielungen, die vor ein paar Jahren auf John Zorns Tzadik-Label erschienen sind, hat er seiner jüdischen Familientradition Tribut gezollt. Behutsam setzt er dort spärliche Akkorde und improvisiert karge Tonfolgen, die in ihrer Gültigkeit und dunklen Stimmung mehr an Beethovens letzte Streichquartette als an Jazz erinnern. Zwischen den verklingenen Tönen kann man ein paar untergründige Melodien ausmachen, Klagelieder, wie sie Bergmans Großvater noch gesungen hat, der Kantor einer Synagoge 
war.

Ich hatte Borah Bergman in den 80er Jahren durch den Pianisten Uli Kieckbusch kennengelernt, der einige Hauskonzerte mit ihm veranstaltete. Wir vermittelten ihm einige Gigs, einer war in Esslingen in der Dieselstraße. Auf meinen New York-Reisen besuchte ich ihn meistens. Dann wurde geredet und diskutiert, und manchmal gingen wir runter etwas einzukaufen. Ein Sommerhemd, das ich bei einem dieser Einkäufe erworben habe, trage ich heute noch. Borah Bergman riet mir zum Kauf - der Mann hatte Geschmack. 

Als ich vor ein paar Jahren das letzte Mal mit ihm telefonierte, war er schon so sehr verwirrt, dass ich mir echte Sorgen um ihn machte, mich fragte, wie es weitergehen würde. Er lebte allein, hatte wenig sozialen Kontakt - ein echter Eremit, der sein Leben dem Piano gewidmet hatte. Am 19. Oktober 2012 ist Borah Bergman seiner Demenz erlegen. Er wohnte seit längerem nicht mehr in seinem Apartment in Manhattan, sondern in einem Pflegeheim, wo seine Schwester nach ihm schaute.

Aktuelle Platten:

Borah Bergman (feat. John Zorn): Luminescence (Tzadik, 2009)
Borah Bergman: Meditations for Piano. (Tzadik, 2007) 
Borah Bergman/Lol Coxhill/Paul Hession: Acts of Love. (Mutablemusic)
Borah Bergman/Thomas Chapin: Toronto 1997. (Boxholder Records)

3 comments:

  1. ist das allgemein angegebene Geburtsdatum 13.12.1933 (Tzadik, AMG...) falsch und wenn ja woher kommt das?

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    1. ich bin mir nicht sicher, woher das falsche Geburtsdatum kommt. Ich versuch gerade das richtige mit Borah Bergmans Nichte zu klären.
      Bin mir ziemlich sicher, dass es der 13.12.1926 ist. Er wäre als 85 gewesen. (Mein Nachruf ist ein umgearbeiteter Artikel aus der Schweizer WoZ. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, ob ich damals sein Geburtsdatum mit ihm verifiziert habe.

      In einem Videoclip, veröffentlicht 2011, wird er als 83jährig genannt: http://www.youtube.com/watch?v=cSPNzteuyDQ

      Richard Cook nennt ebefalls 1926.

      Grüsse
      christoph wagner

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  2. Vielen dank für Ihren sehr interessanten Nachruf. Hier in New York City im Radiosender WKCR hat man heute drei Stunde von Bergmans Musik gehört. Der DJ hat ein Teil vom Bergmans ersten Album Discovery gesendet. Diese von Plattenfirma Chiarascuro Album ist augenscheinlich sehr rar und schwierig zu finden. Der DJ hat auch Musik vom Bergman mit Andrew Cyrille und verschiedene Stücke von Bergman, Broetzmann, and Braxton gesendet. Sie haben Recht, dass Bergmann ein sehr spezielles kontrapunktisches Technik ausgebildet. Leider habe ich niemals eine Möglichkeit an ihn "live" zu hören.

    Entschuldigung, wenn ich Fehlern auf Deutsch gemachte habe.

    Gruesse,
    Mark Lewis (NYC)

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