Saturday, 25 August 2012

Embryo - Krautrockurgestein / Bandleader Christian Burchard erinnert sich


ROCK-ARCHÄOLOGIE 5:

Neugierde, Integrität und Konsistenz

(Mehr als) 40 Jahre Embryo 




Einmal fiel Goldstaub auf sie herab. Beim Fehmarn-Festival 1970 traten sie direkt nach Jimi Hendrix auf, dem letzten Auftritt seines Lebens. 1973 spielte Embryo als eine der ersten deutschen Rockbands auf einem großen Popfestival in England. Mit Rio Reiser und Ton Steine Scherben gründeten sie das Musiker-eigene April-Label  (später Schneeball) und brachte Musiker wie Trilok Gurtu in den Westen. 
Sie spielten mit Jazzkoriphäen wie Charlie Mariano und Mal Waldron. Miles Davis knauserte nicht mit Lob. Sie besuchten Fela Kuti in Nigeria sowie Ravi Shankar und das Karnataka College of Percussion in Indien und heuerten als Zirkusband in Pakistan an. Mit befreundeten Formationen initiierten sie das “Umsonst & Draußen”-Festival in Vlotho, das die freie Festival-Bewegung auf den Weg brachte. 
Embryo wurde zum Karrieresprungbrett für Stars wie Nick McCarthy 
(Franz Ferdinand) oder Die Dissidenten. Mehr als 400 Musiker durchliefen in den letzten vier Jahrzehnten die Band, was Embryo zu einer äußerst wirksamen alternativen Weltmusikakademie macht. Ihr Ruf reicht inzwischen um den halben Globus. Alternative Rockmusiker wie NNCK aus New York oder der Hiphop-Produzent Madlibs verehren sie als “Heroen des Untergrund” und suchen ihre Zusammenarbeit. 

1969 gegründet, verband Embryo als eine der ersten Bands in Europa Rock mit Jazz. Später häuteten sie sich zu Pionieren der Weltmusik und unternahmen lange Reisen in den Orient und nach Afrika, um dort mit Musikern vor Ort zu spielen. Aus all diesen Erfahrungen speist sich bis heute ihre frei fließende, bunt schillernde Musik, die sie immer wieder mit überraschenden Klängen und Tönen neu auftanken.

Seit mehr 40 Jahren ist die Band aus München kreativ in Bewegung, angetrieben von der scheinbar unermüdlichen Energie ihres Leiters Christian Burchard. Wo andere längst aufgegeben oder es sich im Sessel gutsituierter Bürgerlichkeit bequem gemacht haben, macht Burchard weiter: kompromisslos, unbeirrbar, noch immer Underground, noch immer Gegenkultur, noch immer “Rock in Oppositon”.

Wenn es in Deutschland mit rechten Dingen zuginge, wäre Embryo Kult. Dann würde man die Gruppe in einem Atemzug mit dem Sun Ra Arkestra nennen, der legendären Spacejazz-Band aus den USA, die Burchard vor Jahren in München kennenlernte.





Christian Burchard - Bandleader und Mastermind von Embryo - läßt mehr als 40 Jahre Bandgeschichte Revue passieren


Jazz in der Provinz
 
Christian Burchard: Die Urzelle von Embryo bildeten Dieter Serfas und ich. Wir kennen uns seit 1956. Von Anfang an haben wir uns bestens verstanden, saßen in Hof in der Schule nebeneinander und als ich eine Klasse wiederholen mußte, tat der Dieter im darauf folgenden Jahr dasselbe, um wieder mit mir die selbe Schulbank zu drücken.


 Irgendwann fingen wir an Musik zu machen. Ich hatte ein Klavier zu Hause, klimperte so gut es ging darauf herum, während Dieter Serfas das aus Küchengeräten zusammen gebastelte Schlagzeug bediente. Jazz war für uns die angesagte Musik. Wir hörten alles, von Oldtime bis zu den damals sehr umstrittenen Anfängen des Free Jazz, gespielt von Musikern wie Eric Dolphy oder John Coltrane. Es gab keine Noten zum Nachspielen, also improvisierten wir drauflos.
 
Unser erster Auftrittsort war die “Casinobar”, gleich um die Ecke von Dieter Serfas’ Wohnung in Hof. Es war ein sogdenannter "hangout" für hauptsächlich schwarze GIs. Die Musikbox war mit bester Musik bestückt z.B. Singles der Max Roach Group. Die US-Soldaten waren damals noch keine Berufsmilitärs, wie unser Bassist Herbie, der schon mit Little Richard gespielt hatte. Er kam aus Harlem. Leider wurde er nach einem Streit mit seinen Vorgesetzten strafversetzt.
 
Bald fanden wir Anschluß an die einzige nordbayerische Modern-Jazzband um den Weidener Gitarristen Alfred Hertrich. Saxophon und Flöte bediente der Schriftsteller und Filmemacher Uwe Brandner. Wir spielten bereits Kompositionen von Mal Waldron. Eigentlich wollte ich immer Trompeter werden, hatte es bereits über einen Kirchenposaunenchor zur Ventilposaune gebracht, wurde aber von meinen Mitmusikern überredet das Vibraphon zu spielen, was mir ziemlich Spaß machte. Dieter Serfas schaffte es, den Drummer dieser Band abzulösen.
 
Serfas und ich gründeten daneben unsere eigene Combo: das Contemporary Trio. Dritter Musiker war Edgar Hofmann aus Nürnberg. Mit dieser Gruppe versuchten wir eine radikalere Spielpraxis zu verwirklichen. Unser Auftritt beim Jazzfestival in Nürnberg brachte uns die erste guten Kritik ein. Die Abendzeitung meinte, wir seien der einzige interessante Farbtupfer gewesen. 


 
Von Nürnberg nach München
 
Nach dem Abitur zog ich nach Nürnberg, wo ich den Schlagzeuger Peter Leopold kennenlernte. Dieter Serfas ging dann nach München, um sich an der Kunstakademie einzuschreiben. Dort traf er einen anderen Kunststudenten Chris Karrer, der wie Peter Leopold aus Kempten stammte und damals meist Saxophon blies. Wir waren froh über diese neuen Bekanntschaften, denn es gab nur wenige Gleichgesinnte, die etwas für angetörnte “free music” übrig hatten.
 
Bei einem Gastspiel in Heidelberg im Jazzclub Cave machte ich im Winter 1966 Bekanntschaft mit dem Pianisten und Organisten Jimmy Jackson, der gerade der US-Armee den Rücken gekehrt hatte. Ich hatte mich, als noch geschlossen war, ans Klavier gesetzt, als er auftauchte, sich einen Kontrabass schnappte und meine Klimpereien vorzüglich begleitete. Wir spielten so eine ganze Weile mit Riesenvergnügen. Mit Jimmy Jackson und Dieter Serfas gründete ich eine Gruppe. Da es in München eine gute Szene gab, zogen wir alle an die Isar.
 
Im Jazz-Olymp
 
Dann brachte der Herbst 1967 den grossen Lottogewinn: Mein Zimmernachbar Laco Tropp, Jazzdrummer aus Prag, hatte eine Tourneeverpflichtung mit dem Mal Waldron Quartet, doch der vierte Musiker, der Trompeter Ted Curson, tauchte nicht auf. Ich sprang ein. Mal Waldron war für mich ein Idol. Ich liebte seine Platten. Er war von meinem Spiel angetan und ließ sich nach der gemeinsamen Tournee überreden, auch nach München zu ziehen, wo er dann über drei Jahrzehnte lebte.
 
Mit Waldron und Dieter Serfas habe ich zunächst in einer kleinen WG gewohnt. Fast zwei Jahre tourten wir quer durch Mitteleuropa. Für mich wurde damit ein Traum wahr. Ich kannte die Aufnahmen von Mal Waldron auf dem Jazzlabel Prestige in und auswendig. Es gab Platten von ihm mit Billie Holiday, Max Roach, Charles Mingus, Booker Little und Eric Dolphy. Das waren alles Götter für mich! Und plötzlich spielte ich mit einem aus dem Jazz-Olymp zusammen - Wahnsinn!


 
Mal Waldron war aus Amerika geflohen. Er erzählte Horrorstories von den Mafiamethoden im dortigen Musikgeschäft. Wie die Musiker betrogen wurden. Ich habe dadurch eine ganz andere Sichtweise auf die Musikwelt bekommen. Meine idealistischen Vorstellungen stürzten wie ein Kartenhaus ein.
 
Waldron wurde ein Türöffner für mich. Ich habe durch ihn mit vielen fantastischen Jazzmusikern gespielt, ob Lee Konitz, Don Menza oder Benny Bailey. Das war traumhaft für einen kleinen jungen Musiker wie mich, der aus der Kleinstadt Hof kam, wo es nicht einmal einen Jazzclub gab.
 
Münchner Untergrund
 
Dieter Serfas war in der Zwischenzeit mit Peter Leopold und Chris Karrer in die Amon Düül II-WG gezogen. Als ich ihn einmal besuchte, saßen sie alle vor dem Plattenspieler und hörten seltsame Musik: Hapshash and the Coloured Coat! Sie hatten ihre Jazzplatten verbrannt und waren voll auf dem psychedelischen Trip. Man traf sich, jammte zusammen, entwickelte gemeinsame Ideen, tauschte Gedanken aus. Wir waren junge Leute auf der selben Wellenlänge.
 
Amon Düül machten fantastische Musik! Diese Klänge entstanden nicht über Nacht, sondern haben sich langsam angebahnt. Es wurden Sessions gemacht mit allen Leuten, die irgendwie ein Instrument spielen konnten. Jeden Montag im Müchner PN standen zwanzig.bis dreißig Leute auf der Bühne und haben Musik gemacht. Da war ich manchmal dabei. Jeder hat getan, was er konnte. Verschiedene Musiker, verschiedene Instrumente, verschiedene Schichten von Klänge verschmolzen zu einem riesigen bizarren Klanggemälde - ein Jackson Pollack-Bild in Tönen. Das klang neu und frisch und hat sich von allem abgesetzt, was man bis dahin kannte. Es war etwas anderes als Freejazz, weil die Elektrik dazukam und die Rockryhthmen. Als Amon Düül II ihr Debutalbum “Phallus Dei” aufnahmen, bat mich Chris Karrer, Vibraphon auf einigen Stücken zu spielen.
 
Ursuppe
 
Diese Art der freien Improvisation, die nicht Freejazz war, fand ich faszinierend. Da wollte ich dranbleiben. Ich organisierte Sessions im Jazzkeller in der Münchner Türkenstraße. Manchmal haben zwei Dutzend Musiker mitgewirkt. Das war die Ursuppe von Embryo. Wir hatten schwarze Soulmusiker dabei, etwa einen Gitarristen, der hat gespielt wie bei James Brown. Julius Schittenhelm ist eingestiegen mit seinen skurrilen Songs und hat akustische Gitarre geschrubbt. Jimmy Jackson war dabei, dessen grooviges und ekstatisches Orgelspiel immer für Furore sorgte, auch Lothar Meid und Edgar Hofmann. So entstand ein vielfältiges Klangbild. Auch stilistisch war alles drin. Ich spielte fast nur noch Schlagzeug.
 
Aus diesen Sessions kristallisierte sich ein harter Kern von Musikern heraus, die im September 1969 Embryo gründeten. Meine Frau, die damals Medizin studierte, hatte die Namensidee. Wir haben uns gesund geschrumpft, um zu überleben. So entstand ein erstes Trio: Edgar Hofmann (Geige, Saxofon) , Lothar Meid (Baßgitarre) und ich. Die ganze Band musste in einen PKW passen. Sonst wäre es nicht gegangen.


 
Sience Fiction Sounds
 
Lothar Meid verließ uns bald, um bei Klaus Doldinger’s Motherhood einzusteigen. Ich musste mich nach neuen Leuten umsehen und fand den Bassisten Ralph Fischer und den Gitarristen John Kelly. Auf Kelly wurde ich durch einen Bekannten aufmerksam, der in einem Studio arbeitete und mir erzählte: ‘Wir haben letzte Woche Aufnahmen gemacht. Da war ein Gitarrist mit solchen Pedalen und hat damit gequietscht. Der Ingenieur hat sofort das Band gestoppt, weil er meinte, die Gitarre wäre kaputt.” Ich wurde hellhörig. “Wer ist das? Wo ist der Mann? Der macht die neuen Sounds!”  So kam John Kelly in die Band. Er kam aus England, und die Engländer waren uns weit voraus, was die neuen Sounds betraf. John Kelly hatte bereits das ganze Equipment: Wah-Wah-Pedal, eine Gitarre, mit der man Feedback erzeugen konnte. Das benutzte sonst  niemand in München, außer vielleicht die Leute von Amon Düül. Was John Kelly gespielt hat, war Sience Fiction. Der hatte mit Alvin Lee gearbeitet, mit Georgie Fame getourt - war Vollprofi. Und plötzlich war dieser Mann unser Gitarrist.
 
Ohrwurm
 
Wir haben erste Demos gemacht, um einen Plattenvertrag zu bekommen. Rolf Ulrich Kaiser von Ohr biss an und gab grünes Licht für eine Produktion. Julius Schittenhelm wurde unser Toningenieur. Er kannte ein Filmtonstudio in München, wo er ans Mischpult durfte. Dort haben wir die erste Platte aufgenommen: Opal! Das Studio hatte nur vier Spuren, aber wir hatten Zeit, und deswegen ist es eine gute Platte geworden.
 
Mit Kaiser kam es bald zu Unstimmigkeiten, weil er uns in eine esoterischere Richtung drängen wollte. Wir haben uns daraufhin von Ohr getrennt und sind zu United Artists gegangen, die Firma, bei der auch Amon Düül unter Vertrag war. Dort haben wir das Album “Embryo’s Rache” veröffentlicht. Doch waren wir denen zu avantgardistisch, obwohl die Platte gut lief. Wir schafften es sogar in die LP-Charts. Der Titel “Tausendfüßler” wurde überall im Radio gespielt, war ein richtiger Rundfunkhit. Schließlich sind wir beim Brain-Label gelandet. Die waren offen für unsere Stilrichtung, weil sie auf progressiven Rock spezialisiert waren.
 
Demos, Happenings, Tumult
 
Im Hintergrund all dieser musikalischen Entwicklungen lief die Apo-Bewegung, die natürlich auf uns einen ungeheueren Einfluss hatte.
An der Münchner Kunstakademie fanden große Feste statt, verrückte Happenings mit Massen von Publikum, wo man spielen konnte, was man wollte. Bei solchen Anlässen haben wir manchmal drei Stunden durchgespielt und haben Dinge ausprobieren können. Alles war erlaubt, alles wurde interessiert aufgenommen! Alles war möglich! Die Sensoren der Leute waren auf vollen Empfang geschaltet. Aufbruchstimmung lag in der Luft. An Demonstrationen nahmen Tausende von Leuten teil. Wir dachten: “Jetzt wird es wirklich anders!” Es war wie kurz vor der Revolution, und Embryo war mitten drin.

 


Auf Fehmarn mit Hendrix
 
Fehmarn im Sommer 1970 war unser erstes Festival und wir hatten große Erwartungen. Mega-Stars wie Jimi Hendrix und Canned Heat sollten auftreten, und wir waren auch dabei. Euphorisch sind wir die 1000 km von München nach Fehmarn mit unserem VW-Bus in einem durchgefahren.
 
Im Dunkeln kamen wir an bei fürchterlichem Wetter. Es regnete und stürmte hefig. Eine Horde Rocker nahm uns gleich in Empfang, die den Bus umringten. Wir erklärten ihnen, wer wir waren und dass wir hier spielen sollten.
 
Der VW-Bus hatte damals rund ums Dach eine Rinne. Daran haben sich die Rocker festgekrallt und mit Ketten auf die Leute vor uns eingeschlagen, damit die Platz machen. Wir waren total schockiert und brüllten: “Spinnt Ihr? Hört auf!” Aber die waren so besoffen, dass sie überhaupt nicht reagierten. Wir waren bestürzt. Unsere Stimmung schlug total um. Irgendwie sind wir dann im Backstage-Areal hinter der Bühne gelandet. Canned Head spielten gerade. Ich kletterte von hinten auf die Bühne und bemerkte als erstes einen Roadie, der auf dem Boden kniete und die Beckenständer festhielt, die sonst der Wind weggeblasen hätte.
 
Später trafen wir Alexis Korner. Das war unser Glück. Von den Veranstaltern waren niemand präsent, keiner, der uns irgendeine
Auskunft hätte geben können. Alexis Korner war die gute Seele des Festivals und wahrscheinlich dessen Rettung. Er hat das Schlimmste verhindert. Während der Pausen stand er immer wieder mit seiner
Gitarre auf der Bühne, spielte ein paar Blues-Nummern und sorgte für “good vibrations” auf dem Platz. Hinter der Bühne kümmerte er sich um die Musiker. Er fuhr mit uns in eine Pension. Wir waren völlig kaputt von der langen Fahrt, haben dann trotzdem noch bis vier Uhr in der Früh mit ihm zusammengesessen und gequatscht.
 
Am nächsten Morgen fuhren wir mit Alexis Korner zum Festival-Gelände zurück. Zu unserer Überraschung trafen wir dort die ganze Münchner Hippie-Prominenz: Rainer Langhans, Uschi Obermaier und Anhang. Die waren extra angereist, um ein paar Sätze mit Jimi Hendrix sprechen zu können.
Natürlich vergeblich! Jimi kam vorgefahren und verschwand sofort in einem Wohnwagen, vor dem sich Rocker mit gezückten Messern aufstellten. Mir wurde es ganz anders. Wo waren wir gelandet?
 

Den Auftritt von Jimi Hendrix habe ich mir vom Publikum aus angesehen. Schlagartig entstand eine ganz andere Atmosphäre. Die Sonne brach durch - Riesenstimmung!  Hendrix spielte ein gutes Konzert. Die Leute waren begeistert. Embryo war direkt nach Jimis Auftritt dran und wurden von dieser positiven Stimmung getragen. Das Konzert war toll. Wir spielten eine dreiviertel Stunde und der Zuspruch vom Publikum war riesig. Beim Spielen veränderte sich die Landschaft. Die Sonne strahlte und es war etwas ganz Besonderes, direkt am Meer zu spielen.
 
Nach dem Auftritt ging der Stress los. Wir mußten unser Equipment in Sicherheit bringen und aufpassen, dass nichts geklaut wurde. Damals wurde bei Konzerten viel geklaut, denn Equipment war teuer. Daher hatten wir ziemliche Panik, das was wegkam, weil wir auf der Rückreise noch Anschlußkonzerte arrangiert hatten, die wir nicht platzen lassen wollten. Dann gab es Ärger wegen der Gage. Einer von uns wollte im Festivalbüro unser Honorar abholen. Man drückte ihm 150 DM Fahrtkosten und einen Scheck über 2000 DM in die Hand.

Irgendwie war ihm die Sache nicht ganz geheuer, weshalb er das Bargeld in seinem Socken versteckte, was sich als klug erwies, denn draußen wurde er von Rockern gefilzt, die nach Geld suchten, aber nichts fanden. Immer wieder wurden wir mit diesen Rockern konfrontiert, die die Leute schickanierten. Irgendwann trat Limbus aus Heidelberg auf, eine Gruppe, mit denen wir befreundet waren. Dann kam Ton Steine Scherben, und die Bühne fing an zu brennen. Jetzt galt es das Weite zu suchen. Wir sprangen in den Bus und hauten ab. In dem Moment wurde mir klar, das der Scheck nicht gedeckt war.


 
Marokko - Haarekrieg
 
Richtig los ging es durch die Tournee nach Marokko. Es war, als ob wir einen anderen Planeten entdeckten. Allein schon dahin zu kommen, war wie eine Feuertaufe. Spanien unter Franco stellte das erste Hindernis dar. Auf unserem Album “Embryo’s Rache” befand sich der Titel “Espagna Si, Franco No”. Drei Wochen vor der Tour sagte das Goethe-Institut per Eilbrief alle Konzerte in Spanien ab. Außerdem wurde dem Komponisten des Stücks, einem gewissen Christian Burchard, geraten, sich ja nicht nach Spanien hineinzuwagen.
 
Wir hatten aber Konzerte in Portugal ausgemacht und kein Geld dort hin zu fliegen. Ich musste es einfach riskieren! Die Befürchtung war, dass sie mich beim Grenzübertritt schnappen und ins Gefängnis stecken würden. Doch alles ging gut. Wir sind nach Portugal durch Spanien durchgefahren  und nach den Konzerten wieder durch Spanien hindurch bis nach Gibraltar.

Von dort setzten wir nach Marokko über. In Marokko gab es einen mächtigen Schock: “Was wollt ihr? Langhaarige kommen nicht rein!” wurde uns mitgeteilt.  “Oder Haare schneiden!” Neben der Grenze lag ein Haufen von Haaren, weil all die Hippies, die nach Marokko rein wollten, sich gesagt haben: “Haare egal, die wachsen nach. Ich lass mir die schneiden.” Wir waren anders drauf: “Nix! Die Haare bleiben dran oder wir fahren nicht in dieses Land. Wir sind freie Menschen!” Wir hatten diese APO-Gedanken im Kopf: “Es muss sich alles ändern! Wir sind die Speerspitze der Revolution. Wir reisen nicht in dieses Land.”
 
Jetzt hatten wir aber vom Goethe-Institut eine hochoffizielle Einladung und die ganz Angelegenheit wurde zu einer diplomatischen Affaire. Der Botschafter aus Tanger kam persönlich an die Grenze gefahren, hat uns angefleht: “Jungs, was macht ihr? Lasst euch doch die Haare schneiden, dann sind wir drin.” Wir - stur: “Nix! Die Haare blieben dran!” Da hat die Botschaft es geschafft, im Verein mit unserer Dickköpfigkeit, wobei wir zwei Tage an der Grenze übernachtet haben, uns mit langen Haaren nach Marokko reinzulotsen. Die deutsche Diplomatie hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass wir Hippies mit unseren Matten durchkamen.
 
Bei der ersten Nordafrika-Tournee hatten wir wenig Kontakt mit einheimischen Musikern. Jedoch hörten wir viel arabische Musik im Radio. Wir hatten nicht die leisteste Ahnung davon, doch waren wir überwältigt von der Magie dieser Klänge. Je länger wir diese Musik hörten, je vertrauter wurde sie uns. Wir fingen an, die Mikrotöne des orientalischen Tonsystems zu hören.

Exotische Sehnsucht
 
Ich bin nach Deutschland zurückgekommen und hatte diesen Sound im Ohr. Das hat in meinem Kopf gegärt. Ich habe versucht, diese Musik in Deutschland auf Kurzwelle zu hören. Dazu kam, dass der Gitarrist Sigi Schwab zu Embryo stieß, der indische Musik studierte. Das Exotische rückte immer näher.
 
Als wir dann einmal eine Spielpause mit Embryo einlegten, habe ich mir den Bandbus geschnappt und bin erneut nach Marokko gefahren. Ich wollte mehr über die Musik erfahren. Ich traf Houssaine Killi, tourte mit seiner Band und fing richtig an, diese Musik zu lernen: Melodien, Lieder, Strukturen. Ich wurde ins Gefängnis geworfen, wurde geschlagen, das war mir alles egal, wenn ich nur diese Musik lernen konnte. Mit einem Cassettenrecorder machte ich Aufnahmen. Wieder daheim in Deutschland habe ich diese Aufnahmen unserem Gitarristen Roman Bunka vorgespielt, der Feuer fing. Wir hörten die Cassetten vorwärts und rückwärts und gerieten völlig in den Bann dieser magischen Klänge.
 
Neue Instrumente und taube Ohren
 
Roman Bunka hat sich ein Saz (=türkisches Saiteninstrument) besorgt, das er in einem türkischen Laden in Berlin fand. Der Instrumentenhals hatte Bünde. Das hat uns ziemlich verwirrt, bis wir erkannten, dass die türkische Musik auf einem anderen Tonsystem basiert als die arabische. Danach hat sich Roman eine kleine Veena beschafft und dieses indische Saiteninstrument eine Zeitlang gespielt. Von einer Reise in die Türkei brachte er dann eine Oud mit und fing an, die arabische Laute zu lernen, wobei wir bei Embryo-Konzerte damit auf viel Ablehnung stießen. Bunka und ich haben immer vor dem offiziellen Embryo-Auftritt ein Vorprogramm auf Marimba und Oud gespielt - nur wir zwei.
 
Das Unverständnis im Publikum war groß. Leute riefen “Aufhören!” und verlangten nach den elektrischen Rocksounds von Embryo. Es war leicht schizophren, weil diese exotischen Klänge auch von unseren Mitmusiker nicht akzteptiert wurden, nur Dave King, der zeitweise bei uns Baß spielte, stieg mit Cello und Flöte ein. Als wir dann mit diesen ungeraden Ryhthmen anfingen, weigerten sich Bandmitglieder mitzumachen.


 
Auf nach England
 
Im Trio mit Roman Bunka und Jimmy Jackson spielten wir 1973 auf dem “National Jazz And Blues Festival” in Reading in England. Das war eine kleinere Sensation: Als erste deutsche Band wurden wir zu einem großen Popfestival nach Großbritannien eingeladen! In allen europäischen Musikzeitungen wurde Werbung dafür gemacht und unser Name prangte zwischen all den bekannten Bands wie Genesis, Status Quo, Rory Gallagher und den Faces. Exzellente Publicity!
 
Jede Band hatte nur 40 Minuten Auftrittszeit, trotzdem spielten wir wie gewohnt mit türkischer Saz und Marimba eine lange Einleitung, die erstaunlich positiv aufgenommen wurde. Die Londoner “Times” gab uns eine Superkritik, andere äußerten sich nicht so euphorisch. Die ausbezahlte Gage reichte nicht einmal für die Rückfahrt, obwohl Reading ein riesiges Festival war und der Kartenverkauf in die Tausende ging.
 
Das Duo mit Roman Bunka und mir wurde zur Urzelle einer neuen Entwicklung bei Embryo. Immer wenn jemand neu zur Band stieß, achteten wir darauf, dass er für exotische Musik offen war. Dieter Miekautsch wurde damals sehr wichtig für die Entwicklung von Embryo. Er war sehr interessiert und konnte diese Polyrhythmik umsetzen. Er konnte diese ungeraden Metren mit uns spielen. Idealbesetzung! Wir konnten Nächte lang durchproben. Er wurde nie müde. Wir wurden ein richtig gut eingespieltes Trio: Miekautsch, Bunka und ich! Wir hatten einen riesigen Rock-Sound, konnten aber auch die exotischen Stücke spielen. Für den Baß hat Miekautsch mit der linken Hand auf dem Fender-Rhodes-E-Piano gesorgt.


Charlie Mariano
 
Seine ungeheuren Altosolos auf den Platten von Charles Mingus hatten wir registriert. Dann machte sein aufregendes Trio mit Barre Phillips (Baß) und Stu Martin (Drums) auf uns mächtigen Eindruck. Stu Martin war einer der ganz großen Schlagzeuger. Mit ihm waren Dieter Miekautsch und ich oft in seiner Münchner Zeit zusammen.
 
Im Sommer 1972 stieg Charlie Mariano auf Einladung von Sigi Schwab   bei einem Embryo-Konzert ein. Vor dem Auftritt sah ich ihn Löcher in eine Plastiktüte schneiden. Auf meine Frage, warum er damit wolle, antwortete er, er hätte sich nicht rasiert. Auf die Bühne kam er dann mit der Plastiktüte über dem Kopf, nur die Augen, Ohren und der Mund waren zu sehen.
 
Seitdem war Marinao, wann immer er Zeit fand, dabei - ohne Tüte. Er spielte mit den verschiedensten Embryo-Besetzungen und es schien ihm zu gefallen. Auch wenn wir oft recht spärliche Gagen bekamen, störte ihn das nicht. Er lieh uns sogar einmal sein Auto. Wir hörten auf den langen gemeinsamen Fahrten viel Musik. Fast wäre er mit uns nach Indien gefahren. Als wir dann das Karnataka College of Percussion nach Deutschland brachten, war er von Anfang an auf allen Tourneen mit dabei.
Er hatte seit Mitte der siebziger Jahre das Spiel der Schalmei Nagaswaram erlernt, das in der Tempelmusik des Südens vorkommt. Die Spielweise des indischen Blasinstruments übertrug er auf das Saxophon, was sein Spiel so einzigartig machte.


 
Seitenprojekt Sadja
 
Zu der Zeit als Roman Bunka und ich uns mit arabischer Musik beschäftigten, traf ich per Zufall einen Straßenmusiker, der sich im Winter in der U-Bahn den Arsch abspielte. Die Leute gingen vorbei und beachten ihn nicht. Ich blieb stehen, hörte zu und merkte: “Der Typ kann spielen!” Ich sprach ihn an und er erzählte, dass er aus Kanada sei und dieses Instrument, das Sarot, in Indien und Afghanistan.gelernt hätte. Ich brachte ihn bei uns unter. Er hieß Kenneth Wells. Wir gründeten die Gruppe Sadja zusammen, als Seitenprojekt neben Embryo. Wir lernten die indischen Stücke von ihm, brachten unsere eigenen Ideen ein. Ein Jahr bestand diese Gruppe, bis Wells wieder nach Kanada zurückkehrte.
 
Ton Steine Scherben und der Schneeball
 
Wir hatten seit Fehmarn Kontakt mit Ton Steine Scherben. 1973 rief uns ihr Flötist Jörg Schlotterer an, weil sie einen Schlagzeuger suchten. Klaus Götzner, der bei Embryo die Perkussion bediente, wurde sofort nach Berlin geschickt. Seither ist “Funky” Götzner der Drummer der Scherben. Wir haben von TSS gelernt, wie man seine Schallplatten selbst produzieren und veröffentlichen kann. Darin waren sie wegweisend.
 
TSS waren von Anfang an dabei, als sich die Gruppen Sparifankal, Checkpoint Charlie, Missus Beastly, Embryo und der Sänger Julius Schittenhelm im April 1975 auf dem Hof von Checkpoint Charlie zum April-Label zusammenschlossen unter dem Motto: “Musik im Vertrieb der Musiker”. Als CBS Anspruch auf den Namen “April” anmeldete, wurde das Label in “Schneeball” umbenannt. Neue talentierte Gruppen wie Munju, Moira, Argile und die Real Ax Band kamen dazu. Anfang der achziger Jahre gingen die Schneeballbands mit einer improvisierten Oper auf Tournee, die thematisch das Verbot angetörnter Musik von der Frühgeschichte bis in die Gegenwart behandelte. Ende der neunziger Jahre gab es bereits die dritte Schneeball-Oper.


 Umsonst & Draußen
 
Parallel zum Aufbau unseres eigenen Labels lief die Umsonst & Draußen-Bewegung. Es begann 1974 in einem alten Steinbruch am Ortsrand von Valdorf  (Kreis Vlotho). Auf einem Anhänger spielten wir, eine Sessioncombo um den Missus Beastly-Bassisten Petja Hofmann und noch einige lokale Bands. Es gab etliche Kommunen in dieser Gegend, auch hatten wir oft im selbstverwalteten Jugendzentrum Fla Fla im nahen Herford gespielt. Es gab Leute wie Günter Scheding oder Andreas Klinksiek, die sich voll für die Gegenkultur einsetzten, darüber schrieben und Treffen organisierten.
 
Eine Musikerinitiative entstand, mit der wir zusammen das 1. Umsonst & Draußen- Festival auf dem Vlothoer Winterberg 1975 auf die Beine stellten. Im nächsten Jahr, als das Festival auf dem alten Amtshausberg stattfanden, kamen schon mehrere zehntausend Besucher. Fast alle Schneeball-Bands waren mit dabei. Sie verteilten das ganze Jahr bei ihren Auftritten die Flugblätter, auf denen für das Umsonst & Draußen-Festival geworben wurde mit Sätzen wie: “1984 ist nicht mehr weit und und bevor sie Dich am Fließband ermorden oder an der Uni zu intelligenten Idioten verarbeiten, merke: Halb Mensch, halb Fahrrad, mußt Du Dir was einfallen lassen und dort fällts Dir vielleicht ein.” 
 
Wir Musiker waren, wenn wir nicht gerade bei den vielen Sessions auf der Bühne standen oder Workshops leiteten, in die Organisationsarbeit eingebunden. Als dann 1979 Hunderttausend angereist kamen, war das Chaos perfekt. Es war für alle einfach zu viel und so wurde radikal beschlossen: Schafft viele Umsonst & Draußen-Festivals - überall! Damit wurde die Free-Festival-Bewegung ins Rollen gebracht.


 
Die Sonne des Ostens
 
Durch eine Anregung von Charlie Mariano reiste Roman Bunka nach Indien, wo er den Tablatrommler Trilok Gurtu traf. Gurtu war der Mann, der das Fenster zum Orient noch weiter öffnete. Er spielte eineinhalb Jahre bei Embryo. Das war eine Besetzung, die nicht ankam. Wir spielten Konzerte, wo am Ende nur noch zehn Prozent vom Publikum im Saal war. Ich hatte Alpträume. Vom Geschäftlichen her war es ein Flop, doch die Musik war absolut aufregend. Wir bauten die ganzen indischen Rhythmen in unsere Musik ein. Es war ein Lernprozess und sicher noch etwas holprig.
 
Dann meinte Roman Bunka, um musikalisch weiterzukommen, müssten wir nach Indien reisen und mit Musikern vor Ort spielen. Die grosse Reise wurde angekurbelt. Wir kontaktierten Leuten in Indien brieflich und schickten einen Roadie vor, um Konzerte auszumachen. Dann war es soweit. Doch jetzt machte Trilok Gurtu einen Rückzieher. Er wollte nicht  mit. Wir fuhren ohne ihn. Durch die Reise sind wir aufgewacht. Wir haben verstanden, was es heißt, orientalische Musik zu erleben. Wir haben die besten Musiker getroffen, vom Karnataka College of Percussion bis zu Ravi Shankar. Auf einen Schlag ging die Sonne des Ostens in unseren Herzen und in unserer Musik auf. Das war ein einschneidendes Erlebnis.


 
Zirkusband in Pakistan
 
Auf der Hinfahrt regierte in Persien noch der Schah. Wir filmten heimlich die politische Situation. Dann wurden wir vom Geheimdienst verhaftet. Wenn denen das Material in die Hände gekriegt wäre, hätten sie uns umgebracht. Sie haben uns aber nur geschlagen und ein bisschen festgehalten.
 
Von der afghanischen Grenze gings über den Khyber-Pass nach Peshawar, einer grosse Grenzstadt in Pakistan. Am Wegesrand entdeckten wir einen Zirkus. Wir haben uns das angesehen und wollten schon weiterfahren, als die Zirkusleute merkten, dass wir Musiker waren. “Wir brauchen eine Live-Band! Warum spielt ihr nicht gleich heute Abend?” Wir willigten ein. Da haben die durchgesagt: “Embryo ... europäische Band, tritt heute Abend in Peshawar mit unserem Zirkus auf.” Viel Volk kam zur Vorstellung. Wir packten unser ganzes Geraffel aus und haben zu dritt den Sound gemacht. Das war eine absolut spontane Begegnung. Das Zirkus-Programm war wie aus einem Fellini-Film. Mit Wahnsinnsakrobaten - ein Zirkustheater, das mit einfachsten Mitteln größte Wirkung erzeugte. Der Zirkusdirektor wollte uns unbedingt behalten. Doch wir mussten weiter und sind dann am nächsten Tag wieder los, weil wir Konzerte in Delhi arrangiert hatten. Wenn wir nicht diese Terminplanung gehabt hätten, würde wir vielleicht heute noch in Peshawar sitzen bei dem Zirkus, denn die waren unglaublich freundlich.


 
Tempelmusiker
 
In Indien wurde jede Gelegenheit genutzt, mit Musikern zu spielen. Wir haben mit Straßenmusikanten gespielt, mit Professoren, Stars und Jazzmusikern. Wer immer Interesse signalisierte. In Zentral-Indien, in einem kleinen Dorf am Ufer des Flusses Narmada, verbrachten wir ein paar Wochen. Der Priester des Tempels, der selbst ein exzellenter Sänger und Harmoniumspieler war, liess uns im halbzerfallenen Palast kampieren und verhalf uns zu Begegnungen mit unzähligen Musikern der Gegend, die teilweise 100 km zu Fuss herkamen, um mit uns zu musizieren.  Die Tochter von Uve Müllrich (Embryo-Bassist) und Slivka Pluvatsch wurde hier geboren. Von überall kamen Musiker, um dem Neugeborenen etwas vorzuspielen.
 
Auf dem Rückweg von Indien herrschte in Afghanistan Bürgerkrieg. Nachts standen plötzlich Typen mit Maschinenpistolen vor uns auf der Straße. Ich konnte nicht mehr bremsen, bin einfach weiter. Die sind  weggesprungen, und ich dachte: “Jetzt erschießen sie uns.” Nichts passierte!  In Kabul herrschte Bürgerkrieg. Wir sind wir wieder umgekehrt und nach Pakistan zurück, um über den Iran nach Europa zu gelangen.
 
Unser Convoy aus drei Bussen war bereits auf zwei geschrumpft, als in der iranischen Wüste ein weiteres Gefährt den Geist aufgab. In Teheran gerieten wir vollends in die Wirren der Revolution. Wir saßen im Hotel fest, während draußen Gewehrschüsse hallten, und wir nicht wussten, was los war. Stündlich schien die Situation brenzliger zu werden. Da haben wir gesagt: “Okay, wir müssen abhauen aus Teheran - zurück, egal wie!” Wir haben uns alle in den uralten Mercedes-Bus reingezwängt und sind los. Auf der Ausfallstraße wurde wir gestoppt. Da haben irgendwelche Typen mit Knarren rumgefuchtelt. Die waren aber so nervös, dass ihnen dauernd die Magazine rausgefallen sind. Sie haben uns weiterfahren lassen.
 
In der Osttürkei war der Motor des überladenen Busses bereits so schwach, dass wir LKW-Fahrer bitten mussten, uns die steilen Passstraßen hochzuziehen. Im Mai 1979 kamen wir wieder in München an. Es muss irgendwo geschrieben gestanden haben, dass wir heil durchkommen.

Neuorientierung
 
Nach der Indienreise 1979/80 wurde unser Haus im Münchner Osten zu einer Art Anlaufstelle für Musiker aus allen Teilen der Welt und ziemlich überfüllt. Wir waren plötzlich ganz viele Musiker: Missus Beastly hatten sich aufgelöst und Flötist Friedemann Josch zog mit all seinen Sachen zu uns. Roman Bunka hatte eine Zeitlang bei der Gruppe Aera gewohnt, war dann mit dem Schlagzeuger Freddie Setz ins Embryo-Haus zurückgekehrt. Ramesh Shotham wollte nach einer gemeinsamen Europa-Tour mit indischen Musikern nicht mehr zurück und blieb auch bei uns.
 
Manchmal waren wir ganz viele Leute auf der Bühne. Es kam zu Spannungen. Uve Müllrich und Friedemann Josch machten sich davon und gründeten “Embryo’s Dissidenten”. Als die Missus Beastly-Musiker Burkard Schmidl und Marlon Klein mit ihnen das erfolgreiche Album “Sahara Electric” einspielten, nannten sie sich nur noch Dissidenten, zogen nach Göttingen und gründeten das Exil Music-Label.



 
Afrika
 
1982 trafen wir Professor Ulli Beier, der in Bayreuth das Iwalewa-Institut gegründet hatte, das afrikanische Künstler einlud. Muraina Oyelami aus Nigeria war einer von ihnen, der uns überredete in das Land der Yorubas zu kommen. 1985, auf unserer ersten Reise nach Nigeria besuchten Gerald Hartwig und ich den “Shrine”-Musikclub von Fela Kuti. Fela war nicht da. Wie wir erfuhren, hatte ihn das nigeranische Regime wegen “Devisen-Schmuggels” eingekerkert, weil er in seinen Texten Korruption und Willkür der Mächtigen hart attackierte. Seine Band Egypt 80 machte ohne ihn weiter, und bei der Embryo-Tournee durch Nigeria im nächsten Jahr wohnten wir einige Zeit im Hauptquartier von Fela Kuti, jetzt wieder in Freiheit. Wir jammten mit dem “King of Afrobeat” und seinen vielen Mitmusikern.
 
Die meiste Zeit verbrachten wir in der Trommlerstadt Erin Osun, wo der Bata-Trommel-König Lamidi Ayankunle zuhause ist. Bis in die 90er Jahre haben wir zusammen mit ihm und seinen Gruppen wunderbare Tourneen in ganz Europa gemacht.


 
Nachwuchs
 
Embryo hat immer wieder junge Musiker angezogen, die einstiegen und für frischen Wind sorgten. Manche blieben länger, andere verließen uns bald wieder, um eigene Bandprojekte zu starten. Einer von vielen war Nick McCarthy. Bei einer Demo vor dem Münchner Patentamt mit indischen Bauern 1997, wo wir mit einem Sänger aus Afghanistan auftraten, trafen wir ihn. Er hatte Bass am Münchner Musikkonservatorium studiert und spielte in einer Gruppe mit Babak Borbor am Schlagzeug, der ebenfalls bei Embryo einstieg. 2000 reisten wir alle gemeinsam nach Marokko. Nick McCarthy spielte neben dem Bass, manchmal Cello oder die arabische Laute. Er zog dann nach Glasgow, wo seine Freundin Kunst studierte, und tauchte bald wieder auf als Gitarrist der Rockband Franz Ferdinand.
 
No Blues Band
 
Mitte der 90er Jahren schickte uns die No Neck Blues Band (NNCK) eine ihrer Platten, mit der Bitte, ihnen etwas von Embryo zukommen zu lassen. So tauschten wir eine Weile unsere Tonträger. 2004 kam dann eine gemeinsame Tournee zustande, bei der wir zwischen München und Berlin ein paar Konzerte zusammen absolvierten. Dazwischen fanden wir Zeit für eine nächtliche Studiosession, wo unser erstes gemeinsames Album eingespielt wurde. Die Tage mit den Musikern der NNCK waren äußerst produktiv. Sie sind wie wir Anhänger der freien Improvisation. Die gemeinsamen Sessions liefen jedes Mal in eine andere Richtung, was es immer wieder spannend machte. 2009 hatten wir das dritte Zusammentreffen. (aufgezeichnet von Christoph Wagner)

CD:
Embryo: 40. Do-CD, Trikont. 
(Hg.: Christian Burchard & Christoph Wagner / 28 zumeist unveröffentlichte Titel aus dem Archiv der Gruppe von 1969 bis 2009 mit u.a. Charlie Mariano, Mal Waldron, Sigi Schwab etc., plus reichbebildertem Booklet)
 

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