Sunday, 12 November 2017

Multi-Media-Vortrag von Christoph Wagner & Jim Kahr (ex-John Lee Hooker) – Blues in Schwaben

Freitag, 24. November 2017, 20 Uhr
Club Voltaire, Tübingen, Haaggasse 26 B

Christoph Wagner & Jim Kahr:

Träume aus dem Untergrund – als der Blues nach Schwaben kam

Multi-Media-Vortrag mit Live-Musik von Jim Kahr (ex-John Lee Hooker)

Das „American Folk Blues Festival“ machte den Anfang. Die tourende Blues-Revue gastierte ab 1962 etliche Male in Südwestdeutschland (Baden-Baden, Heilbronn und Stuttgart) und sorgte dafür, dass der Blues in den späten sechziger Jahren auch in Baden-Württemberg Fuß fasste. In subkulturellen Clubs (wie dem Club Monasterie in Esslingen, dem Club Voltaire in Tübingen oder der Manufaktur in Schorndorf,) traten in den Siebzigern häufig Bluessänger, Barrelhouse-Pianisten und Rhythm & Bues-Gitarristen aus den USA und Großbritannien auf (ob Champion Jack Dupree, Memphis Slim, Mike Cooper oder Alexis Korner), von denen sich einheimische Musiker inspirieren ließen. Auf seiner Europatournee 1976 kam John Lee Hooker zu einem legendären Konzert nach Bad Urach, bei dem er von der Coast To Coast Bluesband und ihrem Gitarristen Jim Kahr begleitet wurde.
 
Mit vielen raren Fotos zeichnet Christoph Wagner, Autor des Buchs „Träume aus dem Untergrund – als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten“ (Silberburg Verlag, 2017), den Weg des Blues vom Mississippi an den Neckar nach, wo der afroamerikanische Musikstil nicht zuletzt durch Wolle Kriwanek und Günther Wölfle als „Schwoba-Blues“ Wurzeln schlug. Musikalisch umrahmt wird der Vortrag vom einem besonderen Gast, dem amerikanischen Blues-Gitarristen Jim Kahr, der einst mit John Lee Hooker ins Ländle kam und ein paar Geschichten aus erster Hand über den legendären schwarzen Bluessänger beisteuern wird, der nicht zuletzt durch sein Album „Mr Lcuky “ – produziert von Carlos Santana unter Mitwirkung von Keith Richards, Van Morrison und Johnny Winter – 1991 zu einem Weltstar wurde.
 
Eintritt: 7 Euro
Freitag, 24. November 2017, 20 Uhr
Club Voltaire, Tübingen, Haaggasse 26 B

Wednesday, 8 November 2017

Aus für Grachmusikoff - Schwobarocker gehen in Rente

Die Schwobarocker werfen das Handtuch

Die Köberlein-Brüder verabschieden sich von ihren Fans – die Abschiedstournee von Grachmusikoff ist angelaufen


cw. 40 Jahre lang als professionelle Musiker zu arbeiten, geht an die Substanz. Alex und Georg Köberlein von der „Schwobarock“-Gruppe Grachmusikoff können davon ein Lied singen. Im Alter von fast 66 Jahren fühlen sich die Zwillingsbrüder den Strapazen nicht mehr gewachsen: Verstärker und Instrumente schleppen, Publikum unterhalten auf Teufel kommt raus, lange Autofahrten, erst frühmorgens ins Bett – das laugt einen aus. „Wir sind nicht mehr fit genug für diese Plackerei“, räumt Alex Köberlein ein, der sich in den letzten Jahren ein paar schweren Operationen unterziehen musste. Schon im vorigen Jahr haben die Brüder beschlossen: An Weihnachten 2017 gehen sie in Rente. Die Abschiedstournee ist angelaufen. Wer also die Helden des „Schwobarock“ noch ein letztes Mal ‘live’ erleben will, muß sich sputen: Zum Jahresende ist endgültig Schluß!

Mit dem Abgang der Köberlein-Brüder verschwinden zwei prägende Gestalten der südwestdeutschen Rockszene von der Bildfläche, die den „Schwobarock“ groß gemacht haben. Zum einen mit Grachmusikoff, der Gruppe, die 1978 von den beiden Brüdern gemeinsam gegründet wurde; zum anderen mit Schwoißfuaß, die Alex Köberlein 1979 alleine ins Leben rief und die in den 1980er Jahren im Südwesten populärer waren als Michael Jackson. Der Song „Oinr isch emmr dr Arsch“ war der Riesenhit der Band, der zu einer Art alternativen Schwabenhymne wurde.

                                                                                           Schwoißfuaß 'in action' 

Alles hatte in den aufgewühlten 1970er Jahren begonnen, als die Brüder aus Bad Schussenried nach Reutlingen zum Pädagogikstudium zogen: Lehrer wollten sie werden. An der Hochschule lernten sie den Studienkollegen Wolfgang Kriwanek kennen, der eigene Lieder auf schwäbisch sang. Alex Köberlein begleitete „Wolle“ bei ein paar Auftritten, doch irgendwie kam er mit dessen Stuttgarter Honoratiorenschwäbisch nicht zurecht. In Oberschwaben wurde anders gesprochen: derber, offener, direkter!

                                                                                              Soul Inspiration (Foto: Miche Hepp)
Geboren 1951, war Köberlein mit seinem Zwillingsbruder Georg und sechs anderen Geschwistern in einer Flüchtlingsfamilie in Bad Schussenried groß geworden. In der örtlichen Blaskapelle lernten sie das kleine musikalische Einmaleins, das dann in lokalen Bands wie der Gruppe Soul Inspiration zur Anwendung kam. Die beiden Provinz-Rebellen wurden Teil der alternativen Szene Oberschwabens. Man fuhr zu Demos, veranstaltete Rock-, Blues- und Folkkonzerte, kämpfte für selbstverwaltete Jugendhäuser.

Bei solch einer Demo hatte Alex Köberlein sein Erweckungserlebnis: „Da stand auf einmal mein Bruder Georg auf der Bühne und sang zwei Lieder auf schwäbisch. Ich stand unten und kriegte den Mund nicht mehr zu: ‘Boaaah – das klingt ja geil!’“ Mit Grachmusikoff entwickelten die Brüder daraus ein Konzept, bei dem Polkas, pseudo-russische Klänge und klassische Flötenduette wild durcheinander wirbelten. „Wir haben immer die Show, das Spektakel gesucht und dann diese Lieder auf Schwäbisch gebracht, die einen eigenen Charakter hatten,” erklärt Alex Köberlein.

Grachmusikoff

Grachmusikoff hatten mit ihren „schwäbischen Balladen“ beachtlichen Erfolg. Vor allem das Lied „Heut gibt es keine Indianer mehr“ wurde zum Dauerbrenner. Doch Alex Köberlein hatte weiterreichende Pläne. Ermutigt durch den Erfolg des “Kölsch Rock” von BAP, hob er Schwoißfuaß aus der Taufe, die mit ihren schwäbischen Rocksongs Furore machten.

Bei Auftritten ließen die Schwoißfuaß-Musiker die Sau raus! Die Konzerte waren schweißtreibende Angelegenheiten voller Intensität. Mit der Band hatten die Jugendlichen aus dem schwäbischen Hinterland endlich ein Sprachrohr gefunden. Dass Köberlein in tiefstem Schwäbisch sang, und sich dafür nicht entschuldigte, sondern diesen vermeintlichen Makel wie ein Banner selbstbewußt vor sich hertrug, war bahnbrechend und wirkte als Medizin gegen das chronische schwäbische Minderwertigkeitsgefühl. In Titeln wie „Wenn d Masga rudscht“, Laudr guade Leid“ oder „Dr tägliche Wahn“ spiegelte sich der Gemütszustand einer ganzen Generation wider. „Die Jugendlichen haben gesagt: ‘Das ist unser Ding. Endlich ist da etwas.’ Das hat ungeheure Wirkung gehabt,” erinnert sich Köberlein. 
 
Egal wo Schwoißfuaß auftraten, selbst in den kleinsten Ortschaften, immer waren die Turn- und Festhallen rappelvoll. Der Erfolg ließ den Plattenverkauf explodieren, der von den Musikern selbst organisiert wurde. “Wir haben jeden Monat zehntausend Platten aus dem Wohnzimmmer raus verkauft,“ so Köberlein.

Ein paar Jahre dauerte der Boom. Dann ebbte der Erfolg ab. Schwoißfuaß’ kreative Energie hatte sich verbraucht. Alex Köberlein versuchte es als Solokünstler, doch fühlten sich seine hochdeutschen Songs nicht wirklich authentisch an. Schwoißfuaß kamen 1996 noch einmal für eine Comeback-Tour zusammen. Doch von da an wurde ihr Repertoire von Grachmusikoff gepflegt, die im Trio oder als volle Band seither wacker ihre Runden drehen zwischen Meßkirch, Knittlingen und Krauchenwies. Diesen Herbst zum allerletzten Mal. Die Bandscheiben machen nicht mehr mit. „Wenn man immer vorangeht, wird man irgendwann müde,“ zieht Alex Köberlein einen Schlußstrich unter 40 Jahre im Musikgeschäft.

Saturday, 4 November 2017

'Träume aus dem Untergrund' in KONTEXT: wochenzeitung

aus KONTEXT wochenzeitung:

Protest aus der Provinz

Von Oliver Stenzel
Von der heimlichen Rockhauptstadt Schorndorf bis zum Konstanzer Hippiemord: Der Musikjournalist Christoph Wagner spürt in einem Buch der südwestdeutschen Musikszene der 1960er und 1970er nach – als fast alles politisch und die Kommerzialisierung der Jugendkulturen noch wenig fortgeschritten war.
                                                                                                          Werner Schretzmeier (Foto: Archiv Schretzmeier)
Wilde Zeiten waren das. Winfried Kretschmann trägt zwar meist seine üblich stoische Ministerpräsidenten-Miene, als er da Anfang Oktober im Theaterhaus den Ausführungen Werner Schretzmeiers lauscht, doch gelegentlich scheint ein leichtes Lächeln über sein Gesicht zu huschen. Denn was Theaterhaus-Chef Schretzmeier, 1944 geboren und damit vier Jahre älter als Kretschmann, da an Schnurren aus den Spätsechzigern von sich gibt, ist einfach zu unterhaltsam. Etwa, wie es dazu kam, dass 1969 eine damals noch recht unbekannte britische Band namens Black Sabbath ausgerechnet in der Schorndorfer Manufaktur spielte.


Das war so: Ein Freund Schretzmeiers, der es über verschlungene Pfade kurzzeitig zum Roadie der Band aus dem britischen Birmingham gebracht hatte, wurde im Dezember 1969 von deren Tourmanager angerufen. Black Sabbath seien auf ihrer Tour in Zürich gestrandet, wollten zurück nach England, hätten dafür aber nicht genug Geld. Ob sie vielleicht einen Gig in der Schorndorfer Manufaktur spielen könnten, um sich die Heimreise zu verdienen? Und so kam es, dass kurz vor Weihnachten 1969 die Mitbegründer von Hardrock und Heavy Metal nicht nur die Manufaktur zum Vibrieren brachten, sondern auch noch mit deren Belegschaft bis morgens um fünf viel Bier tranken und "lustige Zigaretten rauchten". Ach ja, die Vorzeige-Hippies Uschi Obermaier und Rainer Langhans von der legendären Berliner Kommune 1 seien auch dabei, aber "die Konventionellsten von allen Anwesenden gewesen", gibt Schretzmeier zum Besten. Yeah, Freak City Schorndorf, damals tatsächlich eine Art Landeshauptstadt des Rock.
Die Geschichte steht, leider ohne Obermaier, Langhans und die Tabakwaren, auch in Christoph Wagners neuem Buch "Träume aus dem Untergrund", das an jenem Abend im Theaterhaus vorgestellt wird. Der Musikjournalist Wagner, 1956 in Balingen geboren, aber seit langem in Hebden Bridge in England lebend, hat vor vier Jahren schon in seinem Buch "Der Klang der Revolte" in großer Breite der Entwicklung der Underground-Musik um 1970 in ganz Deutschland nachgespürt, "Träume aus dem Untergrund" ist nun eine Art Mikrogeschichte für den Südwesten. In 14 reich bebilderten Kapiteln, die alle auch als eigenständige Geschichten funktionieren, spürt er der Musikszene Baden-Württembergs in den 1960er und 1970er Jahren nach, von Beatfans über Hippies und Folkfreaks bis hin zum Einzug des Dialekts im Schwabenrock, von kleinen Konzertinitiativen bis zu riesigen Festivals.

Kretschmann war nur Mitläufer der Musikszene

Dass der Ministerpräsident dazu ein paar einleitende Worte sagt, liegt nicht etwa daran, dass er selbst Geschichten über lustige Zigaretten beizusteuern hätte (was manche bedauern mögen), sondern weil er und Wagner sich schon Jahrzehnte kennen, beide gehörten zu den Urgrünen im Ländle. Und ein bisschen hatte auch Kretschmann mit dem musikalischen Untergrund dieser Jahre zu tun, was auch ein Foto im Buch untermauert: Er gehörte zum Umfeld der Riedlinger Beat-Band The Wishmen, aus denen später die Band Power Play hervorging. Da sei er aber nur "Mitläufer" gewesen, betont Kretschmann, eine "politische Ausfransung" der Musikszene – bei den meisten sei es ja eher andersrum gewesen.


Was politisch war und was nicht in der Musikszene jener Jahre, ist freilich nicht immer so eindeutig zu sagen, der Grad der Politisierung hing auch mit dem Grad der Reibung zusammen, die die rebellischen Jugendlichen erzeugten. Am Anfang stand jedenfalls das Bedürfnis, Musik zu hören, neue, moderne, coole Musik, die nicht wie Schlager von Nazi-Geist und Nachkriegs-Muff kontaminiert war. Das war anfangs Jazz, schon vor Rock'n'Roll als "Negermusik" beschimpft, später Beat, Blues, Folk und die vielen sich auffächernden Pop- und Rock-Stile. Weil es dafür oft weder Strukturen noch Veranstaltungsorte gab, musste man selber für welche sorgen. Weshalb seit den späten 1950ern von Jugendlichen "überall im Südwesten Vereine, Ausschüsse und Clubs gegründet" wurden, so Wagner "um der allerneuesten Musik und der damit einhergehenden Jugendkultur Räume zu verschaffen". Das waren erst Jazzkeller, später Beatschuppen und schließlich "soziokulturelle Zentren" wie die Manufaktur und Jugendhäuser.
Nicht nur die besonders öde Kulturwüste halfen dem Underground im Südwesten auf die Sprünge, auch die stockkonservative Umgebung. "Es gab praktisch nur eine Partei, und die war reaktionär", erzählt Schretzmeier, "zum Glück". Denn dadurch war man in Baden-Württemberg "gesegnet mit dieser Möglichkeit, dagegen zu sein". Kurz: "Wenn du nur die Zunge raus'gstreckt hosch, warsch König", lässt der Theaterhaus-Chef die selige Protestjugend Revue passieren.

Konstanzer Open Air, August 1970

Im miefigen Schwaben kam die Subkultur nicht gut an

Nur lustig war es freilich nicht immer, wenn sich die Vertreter des Miefs provozieren ließen. Als die Lords aus Berlin, die vielleicht bekannteste deutsche Beatband, 1966 in Riedlingen auftrat, schrieb ein Kritiker der "Schwäbischen Zeitung": "Sicher ist, dass das Erlebte dem Empfinden der schwäbischen Volksseele nicht entsprechen konnte." Das klingt nicht allzu weit entfernt vom "gesunden Volksempfinden", das die Nazis oft bemühten, war aber nichts im Vergleich zu dem, was nach dem ersten großen Rockfestival im Südwesten passierte, dem Open-Air in Konstanz im August 1970. "Aufgepeitscht durch Flugblätter der NPD, hatte sich in Konstanz eine aggressive Stimmung gegen 'Gammler' und 'Langhaarige' aufgebaut", schreibt Wagner. Die hielt auch noch nach dem Festival an, mit tragischen Folgen. Drei Wochen nach dem Festival wurde ein Jugendlicher am Blätzle-Brunnen, dem Hippie-Treff der Stadt, von einem Angetrunkenen mit einem "Hasentöter", einem Bolzenschussgerät, erschossen. Als "Konstanzer Gammlermord" oder "Hippiemord" ging die Bluttat bundesweit durch die Medien (hier ein ausführlicher Bericht der Konstanzer "Seemoz").
Politisch geworden war die Szene schon um 1967, als Hippiekultur, psychedelische Sounds und Protestsongs nach Europa schwappten und eine der kreativsten Phasen der deutschen Musikgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg anbrach. Auch und gerade im Südwesten. Deutsche Texte waren auf einmal möglich – den Anfang machten die Karlsruher Checkpoint Charlie mit ihrem provokativen Politrock, die sich 1967 gründeten, drei Jahre vor den Berlinern von Ton Steine Scherben. Außerdem entstand Krautrock, diese erste originär in Deutschland entstandene Musikrichtung nach dem Krieg, die nicht etwa primär durch deutsche Texte geprägt, sondern durch endlose psychedelische Improvisationen, hypnotische Rhythmen, offene Songstrukturen. Im Grunde eine Abkehr vom klassischen angloamerikanischen Rock'n'Roll und – vom Vietnamkrieg befeuert – auch als Abgrenzung verstanden. Aus dem Südwesten kamen dabei einige der wegweisenden Gruppen, etwa Guru Guru aus Heidelberg, Kraan aus Ulm, Gila aus Stuttgart, Nine Days' Wonder aus Mannheim oder Exmagma aus Schwäbisch Gmünd.
Eulenspygel: Politrock aus Tübingen

Antikommerziell und nach drei Jahren pleite

Auch wenn diese Bands teils ganz ohne Texte auskamen, eine bestimmte politische Haltung drückten sie auch durch die Art ihres Zusammenlebens – oft in Kommunen wie etwa Exmagma – oder Arbeitens aus. "Wir wollten gemeinsam Musik machen", zitiert Wagner den Gila-Keyboarder Fritz Scheyhing, "demokratisch, gleichberechtigt, als politisches Statement. Jeder konnte sich einbringen. Wir haben frei über einen Rhythmus improvisiert, wobei sich immer wieder Themen und Motive herauskristallisiert haben."


Als "kultureller politischer Verein zur Förderung progressiver Kunst und Musik" bezeichnete sich auch die im Dezember 1970 gegründete Reutlinger Konzertinitiative "Gig". Streng antikommerziell, mit ehrenamtlichen Mitarbeitern, organisierte sie in der ersten Siebzigerhälfte Touren deutscher und britischer Bands durch die ganze Republik. Das Ziel, der zunehmenden Kommerzialisierung des Underground-Rock einen Riegel vorzuschieben, propagierte sie auch formal in rebellischer Kleinschreibung: "soll die pop musik weiterhin skrupellosen managern ueberlassen werden, oder ist es nicht besser, sich den selbst zu organisieren und den geschaeftemachern und den profitgeiern den garaus zu machen", heißt es da, und: "kommt in massen. helft, dass dieses experiment gelingt, zeigt, dass ihr emanzipiert seid und euch nicht unterdruecken lasst."
Das Experiment gelang nur für kurze Zeit. Weil Gig die Eintrittspreise so niedrig wie möglich halten wollte, waren die Finanzen ein ständiger Drahtseilakt. Als statt der üblichen drei D-Mark 1972 bei einem Konzert in Tübingen einmal fünf Mark Eintritt verlangt wurden, wurde die Initative mit den gleichen Argumenten heftig kritisiert, die sie davor gegen kommerzielle Veranstalter ins Feld geführt hatte. Endgültig das Genick brach Gig 1973 eine Tournee mit Mikis Theodorakis, dem griechischen Komponisten und Gegner der Militärjunta in seiner Heimat. Viele Exilgriechen hielten Gerüchte vom Konzertbesuch ab, der griechische Geheimdienst würde vor den Konzerthallen die Besucher fotografieren. Der daraus folgende Schuldenberg verschlang die gesamten Rücklagen des Vereins.
Es sind heute kaum noch bekannte Episoden wie diese, die Wagners reich bebildertes Buch besonders lesenswert machen. Etwas mehr Infos hätte man sich manchmal zu den Bands der Krautrockära gewünscht, die teils arg knapp und sprunghaft abgehandelt werden – hier ist Wagners gesamtdeutsche Darstellung "Der Klang der Revolte" wesentlich ausführlicher.
Wer musikhistorisch nahtlos weiter schmökern möchte, dem empfiehlt sich die opulent aufgemachte Chronik "Wie der Punk nach Stuttgart kam" (Kontext berichtete hier und hier) von Simon Steiner – der mit Wagner gemeinsam studiert und mit diesem sogar kurzzeitig in einer Punkjazzband gespielt hat. Obwohl sich die frühen Punks vehement von den Hippies abgrenzten, von deren Endlos-Diskussionen, den Endlos-Soli und dem zunehmenden Bombast des Prog-Rock, so fördern Steiners und Wagners Bücher auch einige Gemeinsamkeiten zutage. Nicht nur, am wenigsten verwunderlich, die durchs erzkonservative Klima im Südwesten besonders befeuerte Rebellion, sondern auch die Beobachtung, dass die Musikszene des Landes sehr dezentral geprägt war, die Hauptstadt Stuttgart in beiden Fällen keineswegs das Zentrum war. Und mitunter gibt es auch personelle Kontinuitäten zu entdecken: Exmagma-Gitarrist Andy Goldner, der als Vorzeige-Hippie mit blonder Mähne das Cover von Wagners Buch ziert, begegnet uns bei Steiner mit deutlich kürzerem Schopf als Bassist der "Fuckin' Guten Bürgerband" wieder. Wilde Zeiten.
Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund. Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten, Silberburg-Verlag, 180 Seiten, 24,90 Euro.



Zum Weiterlesen:
Christoph Wagner: Der Klang der Revolte. Die magischen Jahre des westdeutschen Musik-Underground, Schott, 2013, 388 Seiten, 24,50 Euro.
Henning Dedekind: Krautrock: Underground, LSD und kosmische Kuriere, Hannibal Verlag, 2008, 312 Seiten, 24,90 Euro.
Simon Steiner: Wie der Punk nach Stuttgart kam, Edition Randgruppe, 11 Hefte im Schuber plus CD mit 37 Tracks, 370 Seiten, 65 Euro. 
aus: www.kontextwochenzeitung.de

Thursday, 2 November 2017

Zum Tod von MUHAL RICHARD ABRAMS (1930 - 2017)

Im Fluss der Ideen

Interview mit dem einflussreichen Jazzpianisten und Bandleader Muhal Richard Abrams, Gründer der Chicagoer Musikerorganisation AACM  


cw. Seine erste Gruppe nannte er Experimental Band. Das war 1962 und gab die Richtung vor. Muhal Richard Abrams hält seither Kurs. Der Pianist und Komponist gilt als einer der großen alten Männer der amerikanischen Jazz-Avantgarde. 1965 gründete er in Chicago die Musikerorganisation AACM, die zum Ausgangspunkt für die Karrieren vieler Jazzmusiker wurde, von denen Anthony Braxton und das Art Ensemble of Chicago nur die prominentesten sind. Abrams hat vom Streichquartett (für das Kronos Quartet) bis zum Sinfoniekonzert für jedes Format komponiert. Jetzt ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

Sie traten 1967 mit ihrem Debutalbum “Levels and Degrees of Light” erstmals ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit. Was haben sie als junger Mann, in den 50er Jahren, musikalisch gemacht?

Muhal Richard Abrams: Ich arbeitete als professioneller Musiker. Ich spielte alle möglichen Stile und trat mit verschiedenen Gruppen in den Clubs von Chicago auf. Manchmal begleitete ich Solisten, die zu Auftritten nach Chicago kamen wie Max Roach oder Dexter Gordon.

Mit ihrer “Experimental Band” gingen sie ab 1962 neue Wege. Was war die Idee? 

MRA: Die Gruppe sollte ein Vehikel sein, um eigene Kompositionen zu spielen und neue Ideen und Konzepte auszuprobieren. Prinzipiell sollte  die Musik jede Form annehmen können, solange es sich um eigenes Material handelte. Ich bin nicht an Stilunterscheidungen interessiert, sondern an Musik als umfassender Einheit, die alles beinhalten kann. An dieser Haltung hat sich bis heute nichts geändert. Ich wehre mich gegen die Einordnung als Jazzmusiker, weil das Wort eine Begrenzung bedeutet. Ich bin Musiker! Wenn das Wort Jazz fällt, denkt man an Louis Armstrong oder Charlie Parker, die ich natürlich respektierte. Trotzdem will ich mich nicht auf diesen Stil festlegen lassen, sondern offen für jede Art von Musik sein. 

Wie liefen die Proben der Experimental Band konkret ab?

MRA: Wir schufen ein musikalisches Kontinuum, mit dem man improvisatorisch arbeiten konnte. Musik wurde geschrieben, die Improvisationen beinhaltete. Es ging darum, neue Formen notierter und spontaner Musik zu erarbeiten. Anfangs war ich der einzige, der Kompositionen einbrachte, später steuerten auch andere Mitglieder Stücke bei, als sie selbstbewußter und handwerklich besser wurden. Es war ein gradueller Prozeß. Das Hauptziel war, einen musikalischen Rahmen zu schaffen, der Kreativität förderte und jedem Beteiligten die Möglichkeit bot, seine musikalischen Fähigkeiten zu entwickeln.

Entstand daraus der Gedanke, eine größere Organisation zu gründen?

MRA: Die Experimental Band war der Kern, aus dem die Musiker-Organisation AACM hervorging. Chicago war dafür der richtigen Ort, weil man hier seine eigenen Projekte machen konnte, ohne das dauernd jemand dazwischen funkte. Man konnte in Ruhe Konzepte entwickeln und wurde nicht gleich von Kritik und Querschüssen entmutigt. Ursprünglich waren wir eine Gruppe von vier Musikern, die sich zusammensetzten und diskutierten. Der Plan: war, eine festere Organisationstruktur zu schaffen. Zum zweiten Treffen luden wir dann weitere Musiker ein, um zu sehen, ob so ein Zusammenschuß Unterstützung finden würde. Die Resonanz war ermutigend, und so beschlossen wir, der Sache einen formalen Rahmen zu geben und gründeten die AACM, die Association for the Advancement of Creative Musicians. Wie in der Experimental Band wollten wir eine Plattform schaffen, die Musikern helfen sollte, ihre Fähigkeiten und Talenten zu entwickeln.

Die AACM war keine reine Musikerorganisation, sondern verfolgte auch soziale Ziele?

MRA: Wir richteten eine Musikschule für Jugendliche in unserem Viertel ein. Das war sehr wichtig, weil wir die Sache auf eine breitere Basis stellen wollten. Wir wollten andere Leute einbeziehen. Wir warfen einen Stein ins Wasser, damit er Kreise zieht. Der Saxofonist Douglas Ewart - heute ein respektierter Musiker - ging aus einer dieser Klassen hervor. Allerdings waren wir alle irgendwie Studierende und ich würde mich heute noch als einen Studierenden von Musik bezeichnen. Das ist ein lebenslanger Prozeß und nie abgeschlossen. 

Eine der Aktivitäten der AACM war, eigene Konzerte zu organisieren?

MRA: Es ging darum, geeignete Orten zu finden, wo diese Art von Musik aufgeführt werden konnte, weil die Clubs dazu nicht geeignet waren. Wir spielten Konzertmusik. Dafür waren die Clubs die falsche Umgebung. Also mussten wir unsere eigenen Konzerte durchführen.

1975 verließen sie Chicago und zogen nach New York. Was war der Grund? 

MRA: Ich bin Musiker, und Musiker ziehen ins Zentrum des Geschehens - und das war New York. Durch meine Schallplatten hatte ich inzwischen eine weltweite Reputation erworben, was den Umzug erleichterte. Man kannte mich in New York! Die AACM war natürlich eng mit Chicago verknüpft, aber als Idee an keinen bestimmten Ort gebunden. Mit anderen gründeten ich die New Yorker Zweigstelle der AACM, und wir nahmen unsere Aktivitäten wieder auf. Unsere Idee der Selbstorganisation fand damals viel Resonanz in der New Yorker Loft-Szene, wo Musiker ähnliche Initiativen starteten und Konzerte in Eigenregie in ihren Ateliers und Studios durchführten.

Sie schreiben Musik nicht nur für ihre eigenen Gruppen, sondern haben auch u.a. für das Kronos Quartet komponiert?

MRA: 1984 wurde ich beauftragt, ein Streichquartett zu einem Konzert beizusteuern, in welchem das Kronos Quartet Werke von verschiedenen Komponisten aus dem Umkreis der AACM aufführte. So entstand mein “String Quartet No 2”.

Das Interview wurde 2007 für die NZZ geführt.

Tuesday, 31 October 2017

Hans-Jürgen Linke in der JAZZTHETIK über 'Träume'

Buchbesprechung in der aktuellen JAZZTHETIK: Träume aus dem Untergrund



Denis Scheck in der SWR Fernsehen-Sendung 'Kunscht' über 'Träume aus dem Untergrund':
https://www.youtube.com/watch?v=pGBb5mDt8uw

Meine Begegnung mit Tony Allen – Fela's Drummer

In der neuen Jazzthetik ist mein Artikel über den nigerianischen Drummer Tony Allen und sein Tribut-Album für Art Blakey (jazzthetik.de)







„Mein Freund“ Tony


Vor ein paar Jahren beim Cheltenham Jazzfestival hatte ich über seinen Manager ein Interview mit Tony Allen ausgemacht: Sonntagnachmittag, 15 Uhr – eine Stunde bevor ihn das Taxi zum Flughafen bringen sollte. Pünktlich betrat ich das Hotel und war freudig überrascht, als ich Allen in der Lobby sitzen sah. In der Vergangenheit gingen solche Interviews oft nicht so reibungslos über die Bühne. Ich stellte mich vor, und dass ich wegen des Interviews da sei. „Was für ein Interview?“ bellte er mich an. Er wisse nichts von einem Interview und hätte auch nicht die Absicht eines zu geben. Ich kramte die Email von seinem Manager heraus. Alles korrekt! Trotzdem: „Kein Interview!“ Ich entschuldigte mich für die Aufdringlichkeit, machte kehrt, als mich eine Stimme zurückrief: „Hey, come here! Do the interview!” schnarrte es im Befehlston. Ich schaltete mein Aufnahmegerät ein, aber seine Antworten fielen kurz und mürrisch aus. Das wird so nichts! Nach zehn Minuten gab ich auf, bedankte mich höflich, packte ein und fragte noch, ob er sich bitte in meinem Interviewbüchlein verewigen würde. Er kritzelte etwas hinein. Draußen schlug ich die Seite auf und traute meinen Augen nicht: „To my friend Christoph – Love Tony Allen“ stand da in Krakelschrift geschrieben.

Friday, 27 October 2017

EMBRYO (neu formiert) in Stuttgart, Oktober 2017

Der Bandbus (alter Feuerwehrbus) parkte im Hinterhof vor dem Haus. Am Samstagnachmittag, 21. Oktober, haben EMBRYO in Stuttgart ein tolles Konzert im Büro von Manuel Wagner und David Spaeth gespielt. Hier der Video auf youtube:




Beim legendären Popfestival auf der Insel Fehmarn im September 1970 spielten sie gleich nach Jimi Hendrix (seinem letzten Auftritt). 
Später trafen sie Ravi Shankar in Indien und jammten mit Fela Kuti in Nigeria. Embryo ist eine Urformation des Krautrock, die sich mit der Zeit immer mehr von den Rhythmen und Skalen Asiens und Afrikas faszinieren ließ. 
45 Jahre lang leitete Christian Burchard die Gruppe, zu der zeitweise der Jazzpianist Mal Waldron, aber auch Nick McCarthy von Franz Ferdinand gehörte. 
Jetzt hat der Bandleader krankheitsbedingt den Staffelstab an seine Tochter Marja weitergegeben. 
Die junge Posaunistin, Vibrafonistin und Keyboardspielerin, die in den letzten zehn Jahren regelmäßig mit Embryo unterwegs war, hat eine junge schlagkräftige
Truppe zusammengestellt, bei der u.a. der „Funk“-Meister JJ Whitefield (Poets of Rhythm) Gitarre spielt und Wolfi Schlick (Express Brass Band) Saxofon.

Mehr Infos zur Bandgeschichte:
http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2012/08/embryo-krautrockurgestein-bandleader.html